Primarschule in Gwangju, Südkorea

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Gestern ist ein grosser Teil der Lehrerschaft der „Attached Elementary School of Gwangju National University of Education“ zu meinem Vortrag gekommen. Heute holen mich der Vice-Principal und eine junge Englischlehrerin ab, um mir Schule und Unterricht zu zeigen.

Die Schule ist eine von nur 17 nationalen Primarschulen, d.h. in jeder Provinz bzw. grossen Stadt gibt es nur eine solche Schule. Und sie sei, wie mir alle überzeugt erklären, natürlich die beste „National School“
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Science-Day mit Eltern und Behörden, Schulklasse, Wahlen ins Schulparlament (Bilder: Schule)
Auf alle Fälle ist die Schule äusserst begehrt. In der Provinz hat es 150 andere Primarschulen und drei Privatschulen. An die Attached School können alle Eltern aus Gwangju ihre Kinder anmelden und dann muss das Los bestimmen, wer aufgenommen werden kann. Das Verhältnis von Aufgenommenen zu Abgewiesenen beträgt 1:12.

Die Schulleiterin, die ich gestern auch schon kennengelernt habe, stellt mir bei einem grünen Tee ihre Schule vor. Als „attached school“ habe sie eine grosse Verpflichtung gegenüber den zukünftigen Lehrpersonen, die hier ihr Praktikum machen. Entsprechend publiziert der Lehrkörper auch rege. Der Bestseller ist das Buch „Flow of Learning – learning how to learn“, das die Lehrerinnen und Lehrer nun schon in vierter Auflage herausgegeben haben. Es ist ein Praxisbuch mit vielen Beispielen, wie die Schülerinnen und Schüler das Lernen lernen können, Lektionsplänen, theoretischen Hintergründen.
Aber auch das Curriculum und Lektionspläne werden publiziert. In Südkorea werden etwa 70% der Unterrichtszeit für die Ziele des nationalen Curriculums gebraucht, 30% können die Schulen und/oder Provinzen und die Lehrpersonen selbst Ziele setzen und Inhalte festlegen.
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Bestseller, vom Schulteam geschrieben

Die Schule hat 528 Schülerinnen und Schüler der Klassen 1 – 6. Die Klassengrösse beträgt meist unter 24, national liegt der Durchschnitt momentan noch bei 27, mit sinkender Tendenz.

Der Lehrkörper ist – anders als an den anderen Schulen – überwiegend männlich. Das habe damit zu tun, dass sich viel mehr Männer bewerben würden, erklärt mir die Englischlehrerin. Für Frauen sei es dann halt doch etwas viel, manchmal mehrmals in der Woche bis Mitternacht in der Schule bleiben zu müssen.
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Lehrkörper (Bild: Schule)
Die Lehrpersonen begleiten im ersten und zweiten Schuljahr ihre Klasse in allen Fächern, nachher unterrichten sie meist zwei Fächer, was überhaupt kein Problem sei. Allerdings gibt es hier keine Teilzeitlehrpersonen, die Stundenplanorganisation ist also einiges einfacher und die Lehrpersonen sind alle von etwa halb acht morgens bis am Abend in der Schule. Zwei Mal in der Woche findet nach dem Unterricht eine dreistündige Sitzung statt, in der man sich über Schülerinnen und Schüler, Curriculum, Schulanlässe und vor allem auch didaktische Themen austauscht. Von all diesen Sitzungen existieren Protokolle seit 1937, sie sind im schuleigenen Museum ausgestellt.
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Kommunikationsübung im Englisch

Die Klassenzimmer haben alle Schiebewände gegen den Korridor hin, diese stehen an zwei Seiten ständig offen, niemand kümmert sich gross darum, wenn Besuch kommt, die Schülerinnen und Schüler und die Lehrpersonen arbeiten konzentriert weiter.
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Die Lektionen sind methodisch auf hohem Niveau, ein Mix von verschiedenen Sozialformen, die Schülerinnen und Schüler unterstützen sich gegenseitig, die Lehrperson erklärt hie und da etwas. Im Englisch sehe ich ein Teamteaching mit einem koreanischen Lehrer und Ian, einem native speaker aus den USA, der jetzt schon das zweite Jahr hier unterrichtet und dem es sichtlich Spass macht.

Die Lehrpersonen zeigen mir auch stolz ihre Mitschau-Anlage, ein Klassenzimmer mit Einwegspiegel. Es werde zwei Mal pro Woche benutzt, entweder um Studierenden der Universität etwas zu zeigen oder auch, wenn das Team sich eine Lektion einer Kollegin oder eines Kollegen anschaut und sie nachher bespricht. Details können mit Kameras herangezoomt werden. Ich erzähle, dass wir auch mal so eine Einrichtung gehabt hätten – sie sei aber von den Lehrpersonen nicht sehr geschätzt und selten genutzt worden. Ganz verstehen das meine Gesprächspartner nicht.
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Mitschauanlage
Pünktlich um viertel vor zwölf beginnt die Mittagspause. Die Schülerinnen und Schüler und die Lehrpersonen bleiben im Zimmer. Man kann jetzt Hausaufgaben machen, wenn nötig die Lehrerin etwas fragen und wer ein „Ämtli“ hat, erledigt dieses. Die Ämtli gehen weit, das Putzen des Klassenzimmers und der Korridore gehört dazu. Die Lehrpersonen helfen den Schülerinnen dabei.
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Putzen
Danach gehen die Klassen mit ihrer Lehrperson gestaffelt in die Mensa zum Mittagessen. Freiwillige Mütter haben bei der Zubereitung eines ausgewogenen Mittagessens geholfen und schöpfen es jetzt. Die Lehrerin oder der Lehrer stellt sich nach dem Eingang zur Mensa auf und die Schülerinnen und Schüler kommen in Zweierkolonne in den Raum, verbeugen sich vor der Lehrperson, diese verbeugt sich zurück und dann holt man sich das Essen und sitzt mit der Lehrperson zusammen an den Tisch. Alles ist geht sehr ruhig und höflich zu und her, niemand ist laut oder rennt, aber es wird gelacht, gescherzt und diskutiert.
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Mittagessen
Nach dem Essen spülen alle ihre Teller ab (d.h. die Tablette mit verschiedenen Einbuchtungen für die verschiedenen Gemüse, Reis, Fleisch, Suppe). Im zweiten Teil der Mittagspause werden dann verschiedene Freizeitangebote gemacht: Spiele, Sport. Die Angebote werden auch von den Lehrpersonen geleitet.

Englisch ist der Schule wichtig, weshalb sie ihre Schulzeitung ab und zu auch in Englisch herausgeben. Das ermöglicht einen guten Einblick in das doch etwas andere (veröffentlichte) Denken der Schülerinnen und Schüler.
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Zwei Berichte von Schülerinnen

Auch bei diesem Besuch habe ich den Eindruck, es sei wesentlich auch die (ich würde sagen konfuzianisch geprägte) Kultur, die das Lernen beeinflusse. Es ist weniger das Lernangebot, das anders ist, als die Art wie es genutzt wird – an dieser Schule äusserst konzentriert. Namgi, mit dem ich mich anschliessend darüber austausche, geht noch etwas weiter. Er meint, es könnten halt doch „Meme“ am Werk sein (eine Art kulturelle Programme im Gehirn, die durch Nachahmung weiter gegeben werden) Ich habe mich bisher mit der umstrittenen, von Richard Dawkins geprägten Memetik (Viruses of the mind, 1976) nicht auseinandergesetzt und würde mich eher an Kognitionswissenschaften, Kulturgeschichte und Schulklima anlehnen.

Was zum Thema Schulklima sehr interessant ist: Jede Lehrperson darf maximal vier Jahre an einem Stück an der gleichen Schule tätig sein. Dann muss sie wechseln. Sie kann sich für eine andere Schule in der gleichen Provinz bewerben. Etwa 90% werden dann auch an die Stelle versetzt, für die sie sich beworben haben, 10% an eine andere Stelle. Nach einem Jahr kann man wieder wechseln, nach spätestens vier Jahren muss man wieder wechseln. Das gilt auch für Master-Teacher, die auch an der neuen Stelle ihr besonderes Pflichtenheft behalten. Schulleiter können maximal zwei Amtsdauern bleiben, weil die meisten erst nach 50 Schulleiterin oder Schulleiter werden, erfolgt anschliessend häufig die Pensionierung.
Namgi ist überzeugt, das Rotationsprinzip sei eine der wichtigsten Stärken des koreanischen Schulsystems. So könnten keine guten und schlechten Schulen entstehen. Alle müssten sich auch einmal in schwierigeren Gebieten die Zähne ausbeissen und täten das auch gerne. Niemand könne lange einfach an einer „bequemen“ Schule bleiben. Ausserdem erhalte man immer wieder die Chance und die Pflicht, einen Neuanfang zu machen, das wirke sehr belebend auf die Schulen und die Lehrpersonen.
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Bericht einer Lehrperson in der Schulzeitung

Gwangju National University of Education

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Bild GNUE
Am Morgen führt mich ein Assistent von Namgi in Krawatte und Anzug durch die Gwangju National University of Education. Er verbeugt sich dabei recht oft, auch vor meines Erachtens Gleichaltrigen und Gleichgestellten. Er müsse sich vor allen, die über ihm studiert hätten, verbeugen, das sei eine kulturelle Selbstverständlichkeit und auch Vorschrift, ob es das bei uns gar nicht gäbe, meint er. Ja stimmt, wir schüttelten uns halt die Hand. Das wissen viele hier und recht unvermittelt wurde mir z.B. beim Verlassen eines Restaurants oder nach einem kurzen Gespräch in der Metro schon die Hand geschüttelt.
Die Uni hat etwa gleich viele Studierende wie die PH Zürich, ist aber flächen- und raummässig einiges grösser, einerseits haben die meisten Dozierenden ein grosses Einzelbüro, andererseits lebt etwa ein Drittel der Studierenden in Dormitories auf dem Campus. Auch die in der Stadt lebenden Studierenden haben ihren Lebensmittelpunkt auf dem Campus, Gemeinschaftsräume und Bibliothek sind 24 Stunden geöffnet und werden auch entsprechend genutzt.
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Reservation der Kojen in der Bibliothek
Viel mehr Wert wird auch auf Repräsentationsräume gelegt. Der Präsident empfängt mich, er hat, wie schon gestern der KFTA-Präsident ein riesiges Büro mit beeindruckenden Polstersesseln. Er macht mir einen sehr guten Eindruck, er forscht zu Klassenklima und empfindet die Präsidentenzeit als Chance, auch politisch Einfluss zu nehmen. Ich merke aber auch ihm an, dass das Wahlprozedere sehr herausfordernd ist: alle Interessengruppen, vom Stadtpräsidenten über das Ministerium bis zu den Studierenden können hier mitreden. Gleich muss er nach Seoul, wo er häufig zwei Mal pro Woche Sitzungen im Ministerium hat. Er hat für solche Zwecke einen Fahrer, dann kann er während der Fahrt im Auto arbeiten.

Selektion
Schon die Aufnahmeprüfung ist vielstufig und sehr selektiv, nur die 5% Besten aus den High Schools können sich überhaupt bewerben. Danach finden am Ende jedes Semesters Prüfungen statt und schliesslich nach 4 Jahren das Bachelor- (durch die Universität) und Lehrdiplom- (durch den Staat) -Examen und die Bewerbung um eine Stelle in einer Provinz oder Stadt, ebenfalls nochmals ein selektives Verfahren.

Curriculum
Das Undergraduate-Curriculum lässt viele Wahlmöglichkeiten. Jeweils nur einige Kurse für Basiswissen und -können müssen von allen besucht werden, dann stehen im allgemeinen und im spezialisierten Teil viele Wahlmöglichkeiten („Electives“) offen.

Berufspraktische Ausbildung haben die Studierenden insgesamt 10 Wochen: „Practicum is conducted for 10 weeks in total and is divided into Class Observation (1 week), Class Observation in Rural Villages, Islands and Isolated Areas (1 week), Work Practice (2 weeks), Teaching Practice (6 weeks) and Volunteer Teaching for the teacher trainees to acquire hands-on experience in a real school setting.“

Auch Primarlehrerinnen und Primarlehrer unterrichten (ausser in der ersten und zweiten Klasse) lediglich 2 – 3 Fächer, belegen also einen „Major“ und eins bis zwei „Minors“, was ein vertieftes Angebot natürlich einfacher macht.

Seit 1996 hat die Uni auch eine Graduate School, 20 verschiedene attraktive Master-Programme können gewählt werden, das reicht von Invention and Robotics Education über Early Childhood Education bis zu Elementary Ethics Education.

In Namgis Seminar zum „Classroom Management“ sind die zwanzig Studierenden sehr interessiert bei der Sache und erleichtert, dass auch die Schülerinnen und Schüler in der Schweiz manchmal Flausen im Kopf haben. Allzu weit kann ich aber nicht ausholen, Namgi muss heute in der letzten Doppelstunde des Semesters seinen Stoff noch fertig durchbringen und meint, ich würde sämtliche Fragen, die sie noch hätten, gerne per e-Mail beantworten.
Das Verhältnis Dozierende – Studierende ist gut, eine Mischung aus Kollegialität und grossem Respekt den Dozierenden gegenüber. Ein Respekt, der dann auch nach der Diplomierung anhält. Gestern waren sehr viele Alumni an meinem Vortrag, sie hatten ein sichtbar herzliches Verhältnis zu ihrem ehemaligen Hochschullehrer, behandelten ihn aber auch sehr respektvoll. Die Form der Lehrveranstaltung unterscheidet sich kaum von einem Seminar bei uns.

Museum of Education
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Klassenzimmer bis anfangs 20. Jh.
Die Universität verfügt auch über ein Museum of Education, Schulzimmer aus verschiedenen Epochen werden gezeigt, der Wandel der Schuluniformen durch die Zeit und auch die Schule während der japanischen Kolonialzeit, als die koreanische Sprache nicht gelehrt werden durfte.
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Die Unabhängigkeitsbewegung von Studierenden gegen die japanische Besetzung nahm ihren Anfang 1929 in Kämpfen zwischen japanischen und koreanischen Studenten in einem Zug in der Nähe von Gwangju
Eine Zeitlinie zeigt auch die verschiedenen Präsidenten (eine Präsidentin gab es noch keine), bis anhin durften alle nur für eine Amtszeit von vier Jahren wirken, damit sie nachher wieder problemlos als Professor weiterarbeiten konnten. Der entsprechende Paragraph wurde unterdessen geändert, der Wahlkampf sei aber so anstrengend, dass es vermutlich bei den vierjährigen Amtszeiten bleiben werde.

Kulturzentrum
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Bild GNUE
Der grosse Stolz der Uni ist das neue Cultural Center. Ein Bau mit 900-plätzigem Auditorium und permanenten Lernangeboten zu den Dokdo-Inseln und zur multikulturellen Erziehung.
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Dokdo (vgl. BBC), das auch von Japan beansprucht wird, die „Trostfrauen“ und die Besuche von Premierminister und Regierungsmitgliedern im Yasukuni-Schrein trüben das Verhältnis der beiden Staaten, die auch viele kulturelle Gemeinsamkeiten haben, wesentlich. Auf die japanische Besetzung und Unterdrückung bis ab Beginn des 20. Jahrhunderts bis 1945 wird man überall hingewiesen.
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Besuch von Schulklassen: 1. Film über die Dokdo-Inseln und warum sie zu Korea gehören, 2. Stafettenwettkampf, 3. Die siegreiche Gruppe darf an die Kletterwand mit dem Bild der Dokdo-Inseln
Auch auf dem Campus der Uni (die unter japansicher Besetzung 1923 als Lehrerseminar gegründet wurde) finden sich Denkmäler für Studierende und Dozierende, die sich gegen Japan aufgelehnt haben, im Kulturzentrum ist die Kletterwand dem Relief der Dokdo-Inseln versehen.

Das sehr gut und aufwändig gemachte Zentrum für multikulturelle Erziehung gibt den besuchenden Schulklassen einen Einblick in Lebensweise auf allen Erdteilen, das reicht von Speisen bis zu WC-Gewohnheiten.
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Besuche von Schulen in Zentren und Museen werden in der Regel von Freiwilligen, Studierenden oder Mitarbeitenden der Museen betreut. Sie sind auf die Gruppenarbeiten, Präsentationen, Wettkämpfe usw. vorbereitet. Die Lehrpersonen sind also hier entlastet und können entsprechend mehr Energie in die Vor- und Nachbereitung der Besuche investieren.

Machtkämpfe, Lehrergewerkschaften, Master-Teacher

Am Morgen fahre ich zum Dachverband der Lehrerinnen und Lehrer KFTA.

Ein sehr mächtiger Verband, das sieht man schon dem Gebäude und der Empfangshalle an.
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Mein Kollege Park, Namgi, ehemaliger Präsident der Gwangju University of Teacher Education, den ich aus Hongkong und Nara kenne, ist Chair des von der KFTA geführten KIEP (Korean Institute for Education Policy). Er hat mir deshalb ein paar Termine beim Dachverband organisiert.

Jung, Un-Soo von der Korean Education Weekly, die einmal wöchentlich mit einer Auflage von über 200’000 erscheint und Kim, Jae-Cheol, der Director External Relations machen ein Interview mit mir. Die Sache ist recht heikel, weil ich natürlich auch nach meiner Meinung zum Fährenunglück und zu Safety Education gefragt werde. Das Thema wird hier noch so lange omnipräsent bleiben, bis die sterblichen Überreste der 16 Schülerinnen und Schüler, die noch irgendwo in der gesunkenen Fähre vermutet werden, geborgen sind. Bereits zwei Taucher sind bei der Suche nach den Körpern ums Leben gekommen.
Der stellvertretende Schulleiter, der die Exkursion organisiert hat, hat sich das Leben genommen.
Der neben der KFTA zweite grosse Player, der die Lehrpersonen vertritt, die Gewerkschaft KTU (Korean Teachers Union), hat Präsidentin Park wegen der Katastrophe frontal angegriffen: „“President Park Geun-hye must confess to neglecting her duties and take responsibility“ und sich bei den getöteten Schülerinnen und Schüler für die falsche Erziehung entschuldigt: „We are sorry that we did not teach you to question and disobey suspicious orders,” (…) “We are sorry for forcing you to just memorize answers. We feel guilty that we did not teach [the students] to be active in a dangerous situation“ (Korea Joongang Daily).
Tatsächlich haben ja viele Schülerinnen und Schüler die Fähre nicht verlassen, weil sie auf eine entsprechende Anweisung von Erwachsenen, was jetzt zu tun sei, gewartet haben. Das ist für die ganze Nation begreiflicherweise schwierig zu verarbeiten.

Andere Themen im Interview sind der mangelnde Respekt den Lehrpersonen gegenüber und die Examen. Disziplinprobleme und Prüfungsdruck sind grosse Probleme auch für die KFTA, wie ein Blick in eine ihrer Broschüren zeigt (alle Bilder KFTA)
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Auch mit „Happy Education“ soll Abhilfe geschaffen werden, man möchte eine „ganzheitlichere“ Erziehung erreichen, alle Sinne ansprechen, auch fröhlich sein miteinander.
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Wenn man Bilder von 1973 und heute vergleicht, hat sich in den letzten 40 Jahren schon sehr viel verändert.
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Eine grosse Ehre ist, dass ich danach auch vom Generalsekretär Baek, Bok-Sun, der uns auch zum Mittagessen einlädt und vom Präsidenten Ahn, Yang-Ok empfangen werde. Der Präsident wird von den etwa 180’000 Mitgliedern direkt gewählt, das Amt ist politisch sehr begehrt und die Wahlkämpfe sind jeweils heftig.

Die Stimmung ist aber gedämpft. Die Lokalwahlen haben der militanteren KTU grosse Erfolge gebracht. (Die Zentralregierung will die KTU sogar verbieten, weil sie sich weigert, Lehrpersonen, die wegen Missachtung der Trennung von Politik und Schule (man spricht hier vom „Neutralitätsgebot“) entlassen wurden, auszuschliessen. Ein Gericht hat das aber vorerst unterbunden).
13 von 17 Superintendents gehören jetzt der national in Opposition stehenden Partei NPAD (New Politics Alliance for Democracy) an oder stehen ihr nahe. Und, für die KFTA besonders schmerzhaft: 8 der neu gewählten Superintendents waren einmal Mitglied der KTU. Man sieht den Einfluss der KFTA schwinden und hat die Befürchtung, es entstehe jetzt ein für die Bildung verheerendes Seilziehen zwischen der Zentralregierung mit der konservativen Partei Saenuri um Präsidentin Park und den liberalen (d.h. hier: linken) School-Superintendents in den Provinzen und Städten. School-Lunches, Privatschulen (d.h. wie weit werden vollständig privat finanzierte Eliteschulen, die direkte Zubringer zu den besten Unis sind noch zugelassen) und der Grad der Innovationen sind die Hauptstreitpunkte.
Namgi Park hat einen Artikel geschrieben, der am Wochenende publiziert wurde und in dem er die beiden Seiten zur Zusammenarbeit zu Gunsten von Schülerinnen und Schüler aufruft.

Nach dem ausgezeichneten koreanischen Mittagessen (man isst hier viel Gemüse und Fisch) fahre ich mit Namgi mit dem Bus knapp 4 Stunden nach Gwangju an seine Universität, wo ich meine Vorlesung halten soll. Er erwähnt ein paar Mal, es sei halt keine gute Zeit für eine solche Veranstaltung, Prüfungen und so… Kommt mir bekannt vor. Der Saal ist dann aber sehr gut gefüllt und die Zuhörerinnen und Zuhörer sind an meinen Ausführungen zum schweizerischen Schulsystem und zur Lehrpersonenbildung interessiert, hören aufmerksam zu und stellen die richtigen Fragen. (Was denn der Vorteil der Migration für die Schweiz sei, es könne doch nicht nur eine Herausforderung sein…)
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Anschliessend gehen wir noch mit einigen Mitgliedern der Uni und einigen „Master-Lehrerinnen“ kalte Nudeln essen. Das System „Master-Teacher“ wurde hier 2008 eingeführt, weil man Lehrpersonen, die nicht Karriere als Schulleiterin oder Schulleiter machen möchten, eine Möglichkeit zur Weiterentwicklung geben wollte. Das System ist sehr kompetitiv, wie alles hier: d.h. man muss die besten Mitarbeitendenbeurteilungen haben und sich um eine Stelle als Master-Teacher bewerben. Wer aber Erfolg hat erhält ein um 40% reduziertes Pensum:

„Once selected as a master teacher, existing teaching hours will be reduced by 40% so that the remainder of the time can be utilized for participation in teacher training programs and implementation of various activities. Selected master teachers will not only conduct classes in their assigned schools but also support other teachers to improve teaching through coaching and supervision, developing teaching and learning and curriculum evaluation methods, performing the teacher ability development assessment, and offering training or mentoring programs for new teachers.“ (Education in Korea, S. 50).

Tönt gut. Und die Frauen machen mir einen sehr guten Eindruck, sie haben ein sehr hohes Commitment und sind bestens ausgebildet. Sie bringen ihre Schulen mit Sicherheit weiter.

In Korea machen die Lehrpersonen sogar etwas mehr Ferien als in Japan. Meine Sitznachbarin erzählt von einer 25-tägigen Europareise letzten Sommer. Sie hat mit ihrer Familie in Österreich ein Auto gemietet, wollte nach Mailand fahren und es war ihr nicht bewusst, dass ihr österreichisches Mietauto keine schweizerische Autobahnvignette hatte. Ihre Erinnerung an die Schweiz ist also das Aufhalten durch die Polizei, eine empfindliche Busse und der Kauf einer Vignette. Aber es sei ein schönes Land.

Von Konkurrenzorientierung zu „Individual Happiness“

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Das lange Wochenende geht dem Ende entgegen und alle müssen zurück nach Seoul. Alle KTX-Expresszüge sind ausgebucht, das habe ich schon vorgestern am Bahnhof erfahren. Platz habe ich nur noch in einem Kinowagen bekommen. Also: einsteigen, absitzen und dann werden sämtliche Fenster völlig verdunkelt, in der Mitte des Wagens wird eine Leinwand runtergelassen und der Film, dessen Länge ziemlich genau der Fahrzeit entspricht, beginnt.
Anstatt der schönen koreanischen Berglandschaft sehe ich also „The Trials of Cate McCall“.

Im Hotel in Seoul bereite ich mich auf die kommende Woche vor und vertiefe mich etwas ins koreanische Bildungssystem.
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Das Bildungsministerium legt eine informative Broschüre (ZIP) vor (Screenshots aus dieser Broschüre), in der auch die Beziehung zwischen ökonomischem Erfolg Südkoreas und Bildung dargestellt wird. Nur wegen des „Bildungsfiebers“, das es in Korea schon mehr als 700 Jahre gebe, sei es möglich gewesen, Südkorea so schnell aus den Ruinen des Koreakriegs aufzubauen.
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S. 2
Die Verschiebung vom ersten und zweiten zum dritten Sektor hat sich etwa gleich vollzogen wie in der Schweiz. Interessant, dass in Südkorea aber andere Schlüsse bezüglich Schulsystem gezogen wurden. Der Mittelschulbesuch wurde auf über 90% forciert. Der Besuch von Colleges und Universitäten lag 1980 noch bei 27.2%, 2012 bei 72%.
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S. 12
Die „Education for Creativity, High Tech and Quality“, für die wissensbasierte Gesellschaft wird also nicht mit einem dualen System angestrebt, sondern es wird zu einem sehr hohen Prozentsatz auf tertiäre Bildung in Higher Education Institutions (HEI) gesetzt. 80% dieser HEI sind privat.
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S.12
Entsprechend gross ist der Konkurrenzkampf, um an eine möglichst gute Universität, wenn möglich eine National University aufgenommen zu werden. Das Nadelöhr dabei ist der CSAT (College Scholastic Abilities Test), den praktisch alle Schülerinnen und Schüler der High Schools am Ende ihrer Schulzeit absolvieren. Ein Test, der das weitere Leben bestimmt (vgl. South China Morning Post). Er wird zentral durch das Korea Institute of Curriculum and Evaluation, KICE bereitgestellt.
Ein solcher Prüfungstag sieht dann folgendermassen aus:
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Aus der Broschüre „Education in Korea“ des KICE (PDF), S. 96
Das ganze Bildungssystem war bis jetzt wesentlich auf diesen Test ausgerichtet, der private Nachhilfesektor boomte, Schülerinnen und Schüler in der High School hatten praktisch keine Freizeit mehr.
Trotz der guten Resultate in internationalen Vergleichstests wie PISA und TIMSS, ist man auch in Korea der Auffassung, die unerwünschten Nebeneffekte des Tests wie Abwertung des „normalen“ Unterrichts zugunsten der Testvorbereitungen in der privaten Nachhilfe, Depressionen und Suizide, hohe Verschuldung der Eltern für Nachhilfe usw. seien zu gross. Ab diesem Jahr soll ein neuer CSAT eingeführt werden, der sich am neuen Curriculum orientiert und auf den man sich während der Schulzeit und mit Selbststudium mit Hilfe von z.B. Schulfernsehen vorbereiten können soll.
So hofft man, die Ziele des neuen Curriculums besser erreichen zu können. Ein wichtiges ist „individual happiness“.

Die Selbstkritik in einer Broschüre eines Ministeriums finde ich nicht selbstverständlich:
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S. 20f.

Busfahrer und Buddhas

Der städtische Bus schafft die Strecke, für die im Fahrplan 56 Minuten eingeplant sind, locker in 35. Und ich denke, die Aufnahme von „safety education“ in den koreanischen Lehrplan sei vielleicht wirklich zu überlegen. Es müsste auch eine Lektion zu „Wie stoppe ich einen Busfahrer, der sich für einen Formel-1-Piloten und seinen Bus für einen Panzer hält“ dabei haben.

Ich habe mich auf dieser Reise aber praktisch immer sehr sicher gefühlt. Die heikelsten Situationen waren tatsächlich im Strassenverkehr. Bedroht habe ich mich gar nie gefühlt und ich hatte auch nie ein flaues Gefühl, wenn ich durch einzelne Gegenden oder Quartiere ging.

In den Prospekten von Gyeongju sieht der Bulguksa-Tempel, zu dem wir gerast sind, so aus:
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Obwohl ich früh unterwegs bin, ist die Aussicht heute etwa so:
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Die buddhistische Tempelanlage ist aber trotzdem sehenswert. Die Steinpagoden werden gerade repariert, aber die Tempel mit den Treppen, die den Weg zur Erleuchtung symbolisieren, sind sehr eindrücklich. In verschiedenen Hallen sind Mönche und andere Gläubige am Rezitieren von Sutren, das rhythmische Trommeln dazu verleiht dem Ort trotz der vielen Touristen etwas sehr Sakrales.
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Von hier führt ein etwa 3 Kilometer langer Wanderweg – oder eine 10 km lange Strasse – zum Seokgulam Grotto, einem buddhistischen Höhlentempel der auf das Jahr 751 zurückgeht. Der Tempel sieht auch nicht wie im Prospekt (unten) aus. Er ist momentan von viel Wellblech umhüllt, weil er restauriert wird. Lange Schlangen von Touristen pilgern trotzdem am Buddha vorbei, der normalerweise Richtung Ostküste und östliches Meer schaut. Es bleiben so etwa sieben Sekunden, um ihn anzusehen. Ende Juni sollen die Restaurationsarbeiten abgeschlossen sein. Die Gegend hier ist wirklich – und zu Recht – eine sehr beliebte Tourismusdestination. Es ist aber interessant, dass es sehr wenige Touristinnen und Touristen aus anderen Kontinenten hat, praktisch alle kommen aus Korea, China und Japan.
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Vom Höhlentempel aus führen viele Wanderwege durch den Nationalpark – ich gehe noch weitere 3 Kilometer bis zum Gipfel, nur ab und zu einige andere Wanderer. Ich geniesse es, etwas Platz zu haben.
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Eine Erbschaft für Bildung und Erziehung

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Ich miete ein Velo und fahre zuerst zu den Behausungen des „Gyeongju Choe Family Clan“. Ich verstehe nicht alles und reime mir folgendes zusammen: Der Familienname „Choe“ wurde als Ehrentitel vergeben und geht bis auf einen der sechs Stämme zurück, die dann das Königreich Sillah bildeten. Aus dem Gyeongju-Zweig dieser Familie bildeten sich insgesamt 27 Clans, viele ihrer Mitglieder trugen zum Gedeihen der Gesellschaft bei: der „Vater der koreanischen Literatur“, Generale, Erneuerer der Landwirtschaft, viele konfuzianische Gelehrte und in der 12. Generation Choe Jon, eine wichtige Figur im Widerstand gegen die Japaner. Er starb 1970 und vermachte sein Vermögen der Erziehung: He „had a forward-looking vision of modernizing Korea. He realized the importance of education and insisted on educating young students to be good leaders of modernizing Korea.“ Zwei Colleges, die heute die Yeongnam University hier in Gyeongsan bilden, wurden mit dem Vermögen Choe Jons finanziert. „Gyeongju Choe familiy has shown a good example of truly-rich men of Korea by contributing all of their wealth, that was inherited from their ancestors for the purpose of educating young students to help Korea fulfill the vision of modernization“. Das steht in der Broschüre, die mir ein Mitarbeiter der Yeongnam University auftreibt. Er ist sichtbar stolz auf die Choe-Familie. Ja, dieses Dorf gehöre – entsprechend dem Vermächtnis von Choe Jon – auch der Universität. Diejenigen, die nichts geerbt hätten „not a penny“, seien schon sehr enttäuscht gewesen, aber es sei doch ein enorm gutes Beispiel, der Gesellschaft den Reichtum zurückzugeben.
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Die alten Häuser stehen genau am richtigen Ort. Fluss vor sich, Berg im Rücken. Die auf konfuzianische Prinzipien zurückgehenden Leitsätze der Familie sind überall angeschlagen.
„Obsessed with Education“ stand gestern in der Korea Times. Ich erinnere mich daran, als ich mir dieses Dorf ansehe und ich denke es wieder, als ich am beginnenden Verkehrskollaps rund um das National Museum vorbeiradle. Auto an Auto wartet hier vor dem schon vollen Parkplatz, in jedem Eltern mit ihren Kindern, die sich dieses Museum und die Königsgräber ansehen wollen. Es ist kein Verkehrshaus wohlverstanden und keine Vergnügungspark, sondern einfach ein gut gemachtes Museum über die Geschichte und die Kultur Koreas.
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Aber Leute hat es jetzt definitiv zu viel, die Stadt ist völlig verstopft. Ich fahre Richtung Namsan-Berg, dort ist es schön ruhig.
Vor einem Königsgrab weit in den Hügeln sitzt ein anderer Mountainbiker und studiert aufmerksam eine Broschüre. Er komme von hier „and I am learning about our culture“ meint er. Das Wort „lernen“ wird hier – mindestens in der englischen Übersetzung – häufiger gebraucht als wir es brauchen. Auch „lehren“. Gestern meinte der Motelbesitzer: I will teach you about our motel and our town und zeigte mir dann, wie Licht, Airconditioning und Fernseher funktionieren und welche Sehenswürdigkeiten ich mir unbedingt ansehen müsse.
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Gegen Abend arbeite ich noch an meinem Paper für Gwangju und lasse danach in einem koreanischen Restaurant das Reis anbrennen, weil ich es zu früh in die auf dem Tisch mit einem Gasbrenner beheizte Pfanne mit den Hühnerinnereien gebe. Die Angestellten holen aber sofort ein neues Set und zeigen mir, wie das Ganze angerichtet werden muss.
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Politik und Grabhügel

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Mit einem Korail-Hochgeschwindigkeitszug und einer Lokalbahn fahre ich am Morgen von Seoul nach Gyeongju im Südosten der Halbinsel. Eine schöne, regenverhangene, bewaldete Hügellandschaft zieht vorbei. Dazwischen Städte und Reisfelder. Die 50 Millionen Einwohner Südkoreas leben zu über 80% in städtischen Gebieten, die meisten davon um Seoul. Die Bevölkerungsdichte ist dort eine der höchsten der Welt. Die Hügel und Wälder, durch die ich jetzt fahre (Südkorea ist zu zwei Drittel seiner Fläche bewaldet) wirken dagegen wohltuend ruhig.

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(Korea Times)
Die Bahnfahrt bringt etwas Zeit, um mich mit den gestrigen Lokalwahlen zu befassen. Während die Gouverneurswahlen keine grossen parteipolitischen Verschiebungen gebracht haben, hat sich bei den Erziehungschefs eine deutliche Verschiebung nach links ergeben. 13 der 17 Erziehungschefs der Provinzen und grossen Städte gehören jetzt eher linksgerichteten Parteien an, die national in der Opposition sind, im Vergleich zu lediglich sechs linken Erziehungschefs vor vier Jahren. Die Kommentatoren gehen davon aus, dass hier einerseits die Sewol-Katastrophe und die zögerliche Reaktion darauf durch die Regierungsparteien, aber auch eine allgemeine Unzufriedenheit mit dem Schulsystem mitgespielt haben. Die Haltung des in Seoul gewählten linken Kandidaten beschreibt die Korea Times folgendermassen:
„During the lead-up to the election, Cho gave three core campaign pledges ― relieving the pain of students preparing for college entrance exams, guaranteeing their safety and health, and eradicating irrationality in education.
‚I will also strengthen education welfare and expand innovative schools,‘ he said.“

Interessant ist, dass in Korea, dass „obsessed with education“ sei, wie die Korea Times meint, Schulthemen auch z.B. bei Wahlen der Stadtpräsidenten eine wesentliche Rolle spielen. Der jetzt wiedergewählte liberale (d.h. eher linke) Stadtpräsident Park (so heissen allerdings sehr viele in Korea) war vor knapp zwei Jahren gewählt worden, nachdem sein konservativer Vorgänger zurückgetreten war, weil er sich gegen kostenlose Schulmittagessen wehrte, aber eine entsprechende Abstimmung verlor. Die Schul-Lunchs waren jetzt wieder Thema im Wahlkampf um das Stadtpräsidium. Die Berichterstattung zeigt einige Probleme der südkoreanischen Politik:
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(Korea Times)

  • Der konservative Herausforderer Chung schleudert mit Dreck (das tun die meisten), d.h. er meint, die Schul-Lunchs seien ohnehin giftig
  • Er ist steinreich, ihm gehört de facto Hyundai Heavy Industries: Die Verflechtungen bis Verfilzungen zwischen Politik und Wirtschaft sind sehr gross, wer Einfluss hat, hat es häufig in Wirtschaft und Politik
  • Gewählt wird nur, wer ein intaktes Familienleben hat. Die Frau hat also den Mann zu unterstützen und nicht im Ausland zu sein. Hier hat das Argument nicht verfangen. In einem anderen Fall (Schulsuperintendent) sackte der Spitzenkandidat aber auf den letzten Platz ab, nachdem seine nach der Scheidung mit der Mutter in den USA lebende Tochter auf Facebook gepostet hatte, er sei kein guter Vater gewesen und könne also auch kein guter Schulsuperintendent sein. (vgl. Korea Times)

Spannend. Ich werde den Präsidenten der mächtigen und jetzt nochmals gestärkten Lehrpersonengewerkschaft ja nächstens treffen.

In Gyeongju suche ich dann in strömendem Regen mein Hotel, weil es dem Taxifahrer nicht weit genug vom Bahnhof entfernt ist und er mich nicht mitnimmt. Die zweitklassigen (aber immer noch genug teuren) Hotels haben leider einen extremen Putzfimmel. Sie gehen mit so starken Putzchemikalien und Sprays hinter die Zimmer, dass ich immer gereizte Augen bekomme. Aber sonst ist es ok. Gyenongju, die alte Hauptstadt war an diesem verlängerten Wochenende praktisch ausgebucht und ich bin zufrieden, dass ich überhaupt etwas gefunden habe.

Gyeongju war fast 1000 Jahre lang die Hauptstadt der Silla-Dynastie und wurde nach dem Untergang der Dynastie dann im 14. Jahrhundert durch Seoul abgelöst. Die Stadt hat also Gräber, Paläste, Tempel aus einer 1000-jährigen Geschichte und ist UNESCO-Weltkulturerbe.
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Im National Museum versuche ich mir einen Überblick zu verschaffen, das tun ein paar hundert andere allerding gleichzeitig auch, so dass es etwas hektisch wird.

Ab 57 v. Chr. begann auf der koreani­schen Halbinsel die Periode der „Drei Königreiche“ Go­guryeo, Baekje und Silla. Während dieser Zeit wurde auch der Buddhismus in Korea eingeführt. China wurde einerseits bekämpft – der Einflussbereich der Drei Königreiche reichte bis weit in die Mandschurei – hatte andererseits aber immer auch einen grossen Einfluss auf Korea. Mit Hilfe der Tang-Dynastie gelang es Silla dann um 660 auch, ganz Korea unter seiner Herrschaft zu vereinigen.
China akzeptierte 735 die Unabhängigkeit Koreas, es begann eine Blütezeit mit regem kulturellem Austausch zwischen China und Korea, Herrschaftssystem und Verwaltung Koreas orientierten sich am absoluten Herrschaftssystem Chinas. Gyeongju war zu dieser Zeit eine der grössten Metropolen Asiens (vgl. Joachim Rau: Reisehandbuch Südkorea, Ostfildern: Dumont 2013, 30ff). Entsprechend majestätisch sind auch die ausgestellten Artefakte, Goldkronen aus den Gräbern, Goldschmuck, sehr kunstvolle Töpfereien, Buddhastatuen.
Aber halt etwas viel Leute.
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Bei den „Tumuli“, den Grabhügeln für die Herrscher aus der Zeit der Drei Königreiche herrscht dann tatsächlich eine fast majestätische Stimmung. Die Tumuli verbinden sich sehr schön mit der Hügellandschaft um sie herum und auch das Regenwetter passt gut.
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Namdaemun, Gyeongbokgung und so

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Gleich neben meinem Hotel liegt das frühere Südtor der Stadt. Auf der Karte heisst es Namdaemun, angeschrieben ist es als Sungyenum. Das Tor wurde 1398 erbaut und jeweils um 22 Uhr geschlossen und um vier Uhr wieder geöffnet. Das heute verloren im Verkehr stehende Tor verlor seine Funktion 1907, als die Japaner Korea zu ihrem Protektorat machten und die Stadtmauern einrissen. Während des Koreakriegs wurde es erneut stark beschädigt.
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Neben dem Stadthaus erstreckt sich die Anlage des ursprünglich im 15. Jahrhundert erbauten Deoksugung-Palastes, in dem die letzten Könige Koreas auch westliche Gebäude errichten liessen, um die Öffnung Koreas herauszustreichen.

Auf dem Boulevard, der zum Gyeongbokgung-Palast führt, stehen die Denkmäler von zwei Nationalhelden: König Sejong (1397 – 1450) und Admiral Yi Sun Shin (1545 – 1598). Unter den Denkmälern befindet sich eine grosse unterirdische Halle mit Ausstellungen zu den beiden Personen.
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Unter der Herrschaft König Sejongs wurden verschiedenste Verbesserungen für die Bevölkerung eingeführt. So gab er den Auftrag, das einfach zu erlernende koreanische Al­phabets Hangeul zu schaffen und förderte damit die Literalität stark. Er wird als ein starker Verfechter der Solidarität auch zu den nicht aristokratischen Schichten dargestellt – unter anderem führte er als erster eine Jahre dauernde Vernehmlassung durch, wie ein gerechteres Steuersystem eingeführt werden könne. Unter ihm wurden auch die Wissenschaften stark gefördert, Astronomie und Mathematik erlebten eine Blütezeit.
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Admiral Yi Sun Shin ist der Held des Imjin-Krieges, des Krieges, den Japan ab 1592 gegen Korea führte, um anschliessend gegen China vordringen zu können. Mit den von ihm entworfenen wendigen „Schildkrötenbooten“ und sehr geschickter Taktik konnte er trotz mehrfacher Übermacht der japanischen Marine diese mehrfach vernichtend schlagen. In einer der letzten Schlachten, bevor Japan sich zurückzog, wurde Yi tödlich verletzt. Er wird als grossartiger Stratege, gerechter, für alle seine Untergebenen sich einsetzender aber wenn nötig auch unerbittlich strafender Admiral dargestellt, der seine Position durch harte Arbeit und Ausdauer erreicht hatte, sich durch keine Rückschläge entmutigen liess und immer getreu den konfuzianischen Tugenden lebte.

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Gyeongbokgung, die weitläufigste und wohl schönste Palastanlage wurde 1395 durch den Gründer der letzten Dynastie, der Joseon-Dynastie fertiggestellt. Der am Fuss des Bukak-Berges erbaute „Palast der strahlenden Glückseligkeit“ wurde während der Invasionen durch Japan im 16. und 20. Jahrhundert zwei Mal fast vollständig zerstört. Etwa 300 der 500 Gebäude wurden wieder aufgebaut. Sehr schön, hier zu spazieren und zu sitzen – es hat auch genügend Platz.
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Unter Dichtestress gerate ich dagegen im an sich auch sehr interessanten Museum of Korean Folk Art, in dem der frühere Jahresablauf in der Bauerngesellschaft und der Lebenslauf der Menschen dargestellt wird. Aber die vielen Tourgruppen mit ihren Fähnchen und Lautsprechern gehen mir auf die Nerven. Es fällt mir jetzt auch auf, was die Differenz zwischen der japanischen einerseits und der koreanischen und auch chinesischen Dichte andererseits ist: hier ist es meistens laut. Man ruft ganz selbstverständlich laut durch die Räume, überall Gepiepse und Gebrumse aus irgendwelchen Geräten, laute Schulklassen. Für mich erhöht diese akustische Reizüberflutung den Stress ganz erheblich. Aber das Museum ist trotzdem sehr gut.

20140604-223147-81107814.jpgVorgestern habe ich geschrieben, Seoul liege in Asien. Die Quartiere, die ich gegen Abend durchstreife, könnten ebenso gut in San Francisco, Amsterdam, Sydney oder Rio liegen. Boutiquen und Galerien, Jugend und Schöngebliebene auf Einkaufstour, Latte Macchiato in umgebauten Lagerhallen mit Backsteinromantik. Die Stimmung ist gut, heute am Wahltag haben alle frei und flanieren durch die Gassen.

Geschichts- und Kriegsmuseen

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Es regnet in Seoul. Museumstag.
Das National Museum ist riesig – und es stellt die Geschichte Koreas bis zur japanischen Besetzung anfangs des 20. Jahrhunderts ausgezeichnet dar. Ich habe mich bis jetzt nur am Rand mit Korea befasst und erfahre viel Neues.
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Dass das Beamtenexamen, ähnlich wie in China, eine mehr als 1000-jährige Tradition hat etwa oder dass die koreanische Silbenschrift erfunden wurde, weil sich ein Herrscher Sorgen über die Illiteralität seiner Untertanen machte, die die chinesischen Schriftzeichen nicht beherrschten.
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Es hat enorm viele Oberstufenschülerinnen und -schüler. Und die interessieren sich etwas weniger für die koreanische Geschichte. Sie sind entweder mit ihren Samsung-Handys beschäftigt, balgen und schreien herum oder machen mit ihren Regenschirmen Fechtwettkämpfe. Das scheint aber ihre Lehrpersonen und Museumsführerinnen nicht besonders zu stören.

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Die Vorschülerinnen und -schüler im Kindermuseum sind dagegen noch ganz bei der Sache, erproben mit ihren Eltern die verschiedenen Musikinstrumente, suchen auf den alten Bildern die verschiedenen Tiere, schauen in einer Steinzeithütte dem Comicfilm über das damalige Leben zu. Eine didaktisch sehr gut gemachte Abteilung des Museums.

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Am Nachmittag dann das War Memorial Museum. Korea wurde eigentlich Opfer seiner Befreiung von der japanischen Besetzung am Ende des zweiten Weltkriegs.
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Befehl an die japanische Armee nach der Kapitulation
Die USA und die UdSSR hatten sich darauf geeinigt, das Land nördlich und südlich des 38. Breitengrades zu besetzen. Der Norden rüstete schnell auf und seine Armee marschierte – der kalte Krieg hatte begonnen und wurde hier zu einem heissen Stellvertreterkrieg – 1950 in den Süden ein.
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Bericht von General MacArthur
Es war mir nicht bewusst, dass Seoul in nur drei Tagen überrannt wurde und die mehr oder weniger nur für Polizeiaufgaben im Innern geschulte Armee Südkoreas trotz baldiger Unterstützung durch UN-Truppen, d.h. vor allem der USA bis ganz in den Süden in die Region um Busan zurückgedrängt wurde. In der Folge gelang es den südkoreanischen und US-Kräften unter McArthur, Nordkorea immer weiter zurückzudrängen, praktisch das ganze Land war jetzt in südkoreanischer Hand – die Wiedervereinigung in Griffnähe. Dann traten – eine früher abgegebene Zusicherung Maos umsetzend – die Truppen Chinas in den Krieg ein und drängten die überraschten UN/US- und die südkoreanischen Truppen in einem äusserst verlustreichen Winterkrieg wieder weit in den Süden zurück. Die Bevölkerung Seouls musste ein weiteres Mal fliehen, vorher waren schon Zehntausende Bewohner Nordkoreas gegen Süden geflohen und Zehntausende aus dem Süden (ein guter Teil der führenden Köpfe) in den Norden verschleppt worden. Die Gegenoffensive unter US-Führung hatte dann wieder Erfolg, zur grossen Frustration Südkoreas wurde aber schliesslich 1953 – ohne Mitwirken Südkoreas – ein Waffenstillstand unterzeichnet, der wieder den 38. Breitengrad als Grenze festlegte. Millionen waren tot, verletzt, heimatlos, Familien getrennt, das Land verwüstet und durch Kriegsverbrechen, auf beiden Seiten begangenen Massakern traumatisiert. Der Krieg ist offiziell bis heute nicht beendet. Südkorea, das bald nach dem Krieg wirtschaftlich erstarkte und – anders als im Museum dargestellt – lange von diktatorischen Regimes regiert wurde, hat im Norden einen äusserst unberechenbaren Nachbarn, dem es alles zutraut. In jeder U-Bahn-Station liegen Gasmasken bereit, um bei einem Angriff gewappnet zu sein.20140603-231531-83731755.jpg

Seoul liegt in Asien

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Ich schaue etwas irritiert, als in der Bahn vom Flughafen nach Seoul eine Gruppe junger Leute laut schwatzt und lacht. Einige telefonieren sogar. Undenkbar in Japan. Auch fast von einem orangen Taxi mit einem kurzärmligen Taxifahrer, der etwas aus einem Starbucks-Plasticbecher schlürft, gestreift zu werden, finde ich nach einem Monat Japan schockierend. Taxifahrer fahren dort ihre schwarzen Limousinen mit den weissen Sitzüberzügen defensiv, sie tragen einen Anzug, eine Schirmmütze und weisse Handschuhe.
Mir wird klar, warum man in Japan zwar häufig von Asien gesprochen hat, das eigene Land aber eigentlich nicht dazu zählte.
Aber jetzt bin ich in Seoul und damit wieder in Asien, einem aufstrebenden und improvisierenden Asien mit grossen Einkommensunterschieden. Einem Asien, mit riesigen Strassen, die kaum zu überqueren sind, Obdachlosen die in Unterführungen schlafen, Garküchen, Musik aus Ghettoblastern, Märkte auf Strassen und Plätzen, daneben Hochhäusern der Banken und grossen Unternehmen, alten Palästen, riesigen Verwaltungsgebäuden.
Ich muss mich hier erst einfinden.

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Das Land steht noch stark unter dem Eindruck der Sewol-Katastrophe, überall gelbe Bänder als Zeichen der Solidarität mit den Opfern.

Die Aufarbeitung des Fährunglücks hat auch viel Korruption zu Tage fördert und man ist daran, diese entschlossener als auch schon zu unterbinden. Auch die Korruption der vornehmeren Art: Nach ihrer Pensionierung werden Vize-Erziehungsminister z.B. meist Universitätspräsidenten. Dies hält dann die Behörden davon ab, die betreffende Universität genauer zu kontrollieren, man kann ja einem ehemaligen hohen Funktionär, einer solchen Respektsperson nicht misstrauen. Die koreanische Gesellschaft ist sehr hierarchisch, formelle und informelle Hierarchien nicht zu beachten, ist fast nicht möglich. Ich erinnere mich daran, dass diese Hierarchie ein Thema bei den Flugunfällen koreanischer Airlines war: Der Co-Pilot wagte nicht, dem Captain zu widersprechen, auch wenn das ins Desaster führte, vgl. die Hong Konger South China Morning Post).

Aber die Tatsache, dass so viele Jugendliche beim Fährunglück ertrunken sind, auch weil sie einfach den Anweisungen der Erwachsenen vertraut haben und viel zu lange auf der Fähre geblieben sind, hat das Land hier durchgeschüttelt. Man versucht, die gefährliche „eine-Hand-wäscht-die-andere-Tendenz“ zu reduzieren. Hohe Beamte sollen also nicht mehr gut bezahlte Uni-Präsidenten werden und dafür ihre Unis vor Eingriffen des Ministeriums schützen (vgl. Korea Herald: Returned officials banned from top college posts)

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Das Unglück wird auch politisch ausgenutzt. Am Donnerstag sind Kommunalwahlen, ein arbeitsfreier Tag (was zur Folge hat, dass ich meine Gewerkschafts-, Schul- und Universitätsbesuche auf übernächste Woche verschieben musste). In diesen Wahlen werden auch die Superintendents für die Schulgemeinden gewählt, also unter anderem der Schul-Superintendent für die 10-Millionen-Stadt Seoul. Ein sehr einflussreicher Posten, der in aller Regel von Personen besetzt wird, die auch „Education“ studiert und Erfahrungen im Schulbereich haben.
Der momentane Amtsinhaber in Seoul (aus der gleichen Partei wie Präsidentin Park, der Versagen bei der Sewol-Krise angelastet wird), findet, man müsse dringend mehr Geld für „Safety Education“ zur Verfügung stellen, dafür will er die kostenlosen School Lunchs abschaffen. (vgl. Korean Herald).

Interessant auch die Interviews mit den Gegenkandidaten (hier und hier).

Am Abend verbrenne ich mir in einem koreanischen Restaurant mit irgendetwas Siedendheissem in einer ansonsten lauwarmen Suppe ziemlich heftig den Mund. Danach telefoniere ich mit meinem Kollegen, dem früheren Präsidenten der University of Education in Gwangju. Er brieft mich für die Besuche bei Lehrergewerkschaft und Zeitung, für die Vorlesung im Kollegium und für ein Seminar mit Studierenden (von dem ich bis jetzt nichts wusste). Er braucht auch den Volltext meiner Vorlesung – da kommt noch etwas Arbeit auf mich zu.