Die Rückfahrt nach Taschkent ist wenig erholsam. Acht Stunden in einem überheizten Sechspersonenabteil ist ja noch gut auszuhalten. Aber ständig läuft ein Film mit überlautem Ton auf den beiden Bildschirmen im Abteil (so muss niemand den Kopf drehen) und jedes Mal wenn ich aufschaue, weil die Musik dramatisch wird, ist gerade ein Held oder eine Heldin am Sterben.
Ich versuche mich zu konzentrieren, ich möchte ja nach der Rückkehr einen Bericht über die Bildungssysteme in den bereisten Ländern machen und meine Eindrücke festhalten, so lange sie noch frisch sind. So vergleiche ich meine Eindrücke und Literaturexzerpte über das usbekische Bildungssystem mit der offiziellen Darstellung. Die Wagenbegleiter haben z.B. ein Professional College of Railway Transport absolviert.
Ich lese auch verschiedene Berichte von NGO, die alle ein vernichtendes Urteil über die politische und zivilgesellschaftliche Situation im Land abgeben.
Gegen Abend kommen wir in Taschkent an. Das letzte Mal machte ich meinen Abendspaziergang Richtung Altstadt, dieses Mal sehe ich mir das „neue Taschkent“ mit seinen Monumentalbauten und grossen Pärken an.
Navroz wurde heute leider ziemlich verregnet, Präsident Karimov konnte seine Grussadresse aber anscheinend noch im Trockenen halten…

Das Denkmal für die – namentlich auf langen Tafeln erwähnten – 400’000 usbekischen Gefallenen im Grossen Vaterländischen Krieg (der auch hier so und nicht 2. Weltkrieg heisst):

Ein identisches Denkmal in einer identischen Anlage habe ich schon in Buchara gesehen.
Das Unabhängigkeitsdenkmal mit der glücklichen Mutter bringe ich nicht im Querformat aufs Bild, zum Glück begegnet es mir auch sonst auf den Staatsreklametafeln in der Stadt. Die junge Frau auf dem Banner hat übrigens einen für die Städte, aus denen ich komme schon sehr gewagten Ausschnitt, offenbar ticken die Uhren in der Hauptstadt etwas anders. 
Archiv für den Monat März 2014
Buchara
Buchara liegt auf 222m ü. M. in einer Sandwüste. Hier trennten sich zwei Routen der Karawanenstrasse, die später zur „Seidenstrasse“ wurde.
Auch diese Stadt wurde um 1220 durch Dschingis Khan dem Erdboden gleich gemacht und erlebte unter den Timuriden im 14. Jh. wieder einen Aufschwung. In der Stadt wurden v.a. ab dem 16. Jahrhundert sehr viele Medresen für Koranschüler gebaut. Viele sind heute daran, zu verfallen, andere sind nach wie vor in Betrieb. Buchara gilt wegen der vielen Islamhochschulen als religionsstreng, es hat tatsächlich viel mehr Frauen mit Kopftüchern und Männer mit Vollbart und Kopfbedeckung als in Taschkent oder Samarkand.

Ich besuche den Ark, den einstigen Palast und Regierungssitz, in dem heute diverse angestaubte Museen untergebracht sind. Weil ich vorher schon einiges gelesen habe, sind die Ausstellungen aber interessant. Gezeigt wird z.B. Baumwolle. Baumwolle wurde in Buchara schon früh angebaut, erst mit der zentralisierten russischen und nachher sowjetischen Wirtschaft und dem Bau der Bahnlinie Orenburg – Taschkent anfangs 20. Jahrhundert wurde ihr Anbau aber derart forciert, dass mehr und mehr Bewässerung nötig war und Anbauflächen, die bisher für Nahrungsmittel gebraucht worden waren nun für Baumwolle umgenutzt wurden. Baumwolle wurde exportiert, Getreide, Obst und Gemüse mussten jetzt vermehrt importiert werden.

Das linke Bild zeigt ein Plakat aus den 1920-er Jahren: Fünfjahresplan in drei Jahren erfüllt. (David Trilling, Twitter), das rechte eine Briefmarke Ende 1990-er Jahre
Ein ähnliches Phänomen zeigte sich mit den Karakul-Schafen. Als das gewellte Fell der Karakul-Lämmer in Mode kam, wurden die bisherigen Woll- und Fleischschafe durch Karakulschafe ersetzt, es entstand erneut eine grössere Abhängigkeit von Nahrungsmitteln, die jetzt importiert werden mussten.

Schliesslich sind auch ein, zwei Fotos aus der Vergangenheit der jüdischen Gemeinde in Buchara zu sehen. Buchara war lange auch ein Zentrum jüdischen Lebens. Die erste Auswanderungswelle setzt nach der russischen Eroberung ein, weil Russland zunächst bessere Lebens- und Arbeitsbedingungen bot, ab 1889 wanderten Mitglieder der jüdischen Gemeinden dann vermehrt nach Palästina aus. Der Antisemitismus der späteren Stalinzeit verschlechterte die Lebensbedingungen nochmals, als in den 1970er Jahren Auswanderungen aus der UdSSR nach Israel möglich wurden, wanderten nochmals 17’000 Jüdinnen und Juden aus, die verbliebenen folgten ihnen nach 1989. Vgl. Paul, Jürgen: Zentralasien, Neue Fischer Weltgeschichte Bd. 10, Frankfurt a.M., Fischer, 2012, Pos. 1460)

Ich schlendere durch die Stadt, Moscheen, ein sehr kunstvolles Mausoleum, nur aus gebrannten Ziegeln, Medresen, der Basar und der Hiobsbrunnen, wo sich Muslime heiliges Wasser abfüllen. Auch ärmlichere Viertel mit nicht asphaltierten Strassen, kleinen Handwerksbuden, abenteuerlichen Gasleitungsinstallationen und (das erste Mal) aufdringlichen Jungen, die Postkarten verkaufen wollen.



Auch hätte ich eigentlich gerne ein Mittagsschläfchen gemacht, aber – das ist mir schon gestern im Restaurant aufgefallen – das Personal schreit pausenlos durch die Gänge. Sie haben keinen Streit, das scheint eine übliche Form zu sein, in einer Unterhaltung auch Emotionen auszudrücken. Gewöhnungsbedürftig.
Buchara gab auch den bekannten turkmenischen Teppichen den Namen, die früher in Turkestan geknüpft wurden und die nach wie vor in Turkmenistan, Afghanistan und Usbekistan hergestellt werden. Das Teppichmuseum zeigt einige eindrucksvolle, z.T. alte solche Teppiche.


Tee und Kaffee sind hier würzig, Kardamon, Ingwer und viele weitere Gewürze werden beigemischt und Süssigkeiten dazu gereicht.
Von Samarkand nach Buchara
Bahnfahrt von Samarkand nach Buchara. Wir fahren durch die Vororte Samarkands. Mit Lehmziegeln werden Häuser gebaut. Der Bedarf an Sanitäranlagen kann auf einem Gebrauchtwarenmarkt gleich daneben gedeckt werden, von WC-Schüsseln bis zu Armaturen ist alles, was die Händler mit ihren alten Ladas zum Verkauf herangefahren haben, fein säuberlich auf Tüchern auf dem Boden ausgelegt. Lange sieht man noch Obstkulturen, Niederstammbäume, Höfe mit Grossvieh und Pferden, dann Schafherden. Am Horizont die schneebedeckten Gebirgsketten. Wir kreuzen lange Züge, auf denen Militärlastwagen und Schützenpanzer verladen sind. Die Grenze ist praktisch überall nahe, Usbekistan hat nicht das beste Einvernehmen zu seinen Nachbarn. Tadschikistan erhebt immer noch Anspruch auf Samarkand und Buchara. Und das Land ist ein wichtiges Transitland für den Nachschub bzw. jetzt Rückschub von Militärmaterial nach und aus Afghanistan – der Abzug der Natotruppen erfüllt die umliegenden Länder mit Sorge.
Man baut an Geleiseerneuerungen für Hochgeschwindigkeitszüge.

Das Erdgas (in der Nähe von Buchara liegen riesige Vorräte) macht den Staat reich. Diese Ressourcen und die strategisch wichtige Lage haben zur Folge, dass die USA und Westeuropa auch bei gravierendsten Menschenrechtsverletzungen alle Augen zudrücken, China fragt ohnehin nicht danach.
Dann beginnt wüstenähnliches Gebiet. Etwa 50 km vor Buchara werden Bewässerungssystem und seine Wirkung gut sichtbar.


Gegen Abend bin ich dann in Buchara. Die mit Lehmziegeln gebaute Altstadt wirkt sehr orientalisch, immer noch wie eine Wüstenstadt. 
Mittendrin die Moschee Kalan und ihr Minarett. Mich überfällt jedes Mal ein Hochgefühl, wenn ich ein Motiv, das ich als Kind als Kalenderbild im TWA-Kalender über meinem Bett hängen hatte, das erste Mal sehe. Bei der Kalan-Moschee ist das wieder der Fall. Als ich sie sehe, weiss ich, dass ich diese Anlage vor mehr als 50 Jahren auf einem Kalenderbild das erste Mal gesehen habe. Moschee und Minarett stammen aus dem 14./15. Jahrhundert, das Minarett wies den Karawanen auf der Seidenstrasse wie ein Leuchtturm den Weg nach Buchara.
Was ich in meinem Kopf nie zusammenbringe: Wie können Leute, die so grossartig gebaut haben, so grausam gewesen sein. Um den Bau zu finanzieren, wurden 3000 Leute schiitischen Glaubens von den Sunniten als Sklaven verkauft.
Vgl. Pander, Klaus: Zentralasien, Dumont Kunstreiseführer, 2013; 9. Aufl., S. 159)
Sklavenfang und Sklavenhandel wurden überhaupt erst im 19. Jahrhundert mit der russischen Besetzung abgeschafft, es soll damals über 100’000 Sklaven gegeben haben, die in Raids in den Iran und in die Berggebiete beschafft worden waren und dann verkauft wurden.
Vgl. Paul, Jürgen: Zentralasien, Neue Fischer Weltgeschichte Bd. 10, Frankfurt a.M., Fischer, 2012, Pos. 5530)
Moscheen und Mausoleen
Zwischen meinen Rundgängen im Park, in dem Assalom Navro’z gefeiert wird, sehe ich mir noch einige Sehenswürdigkeiten an. Die Grosse Moschee Bibi Hamin, die unter Timur 1404 fertiggestellt wurde, galt als die schönste Moschee im Orient. Sie beeindruckt mit dem riesigen Pischtak (dem Torbogen oder Portal) und den Iwanen (die gegen den Hof hin offenen Hallen). Die besten Architekten jener Zeit wurden für Planung und Bau nach Samarkand gebracht, die Bauzeit dauerte nur 4 Jahre.


Gleich neben der Moschee befindet sich der neu gebaute Basar, auf dem es fast alles zu kaufen gibt, die schön ausgestellten gedörrte Früchte lassen mir das Wasser im Munde zusammen laufen. Heute habe ich schon so viel Lokales zum Essen angeboten bekommen und nicht ausschlagen können, da kann ich auch noch gedörrte Früchte riskieren.

Auf der Suche nach den Mausoleen gerate ich danach noch in eine Moschee, die noch in Betrieb ist. Eine Frau ruft mich aus dem Friedhof heraus und erzählt mir lachend, ich könne da nicht durchgehen und ihre Schwester habe einen Amerikaner geheiratet und sei jetzt auf und davon mit dem Flugzeug nach Amerika. Das wolle sie auch, woher ich denn sei…
(Nebenbei bemerkt: vor langer, langer Zeit haben die Leute jeweils Käse, Schokolade, Rotes Kreuz, Friede, Sauberkeit assoziiert, wenn ich Switzerland sagte; unterdessen sagen manche „Oh, Milliarda“…)
Jedenfalls sehe ich so die Moschee Hasrati Hisir, trinke dort Tee, esse Süssigkeiten und steige aufs Minarett.

Danach nehme ich dann durch einen anderen Eingang trotzdem den Weg durch den noch betriebenen Friedhof zur Gräberstadt Schah-e-Sende. Die ältesten Mausoleen hier wurden 1360 gebaut, die jüngsten stammen aus dem 20. Jahrhundert. Hier liegen viele Familienmitglieder Timurs. Die meist blau glasierten Kacheln und die Kuppeln geben ein schönes harmonisches Bild.
Assalom Navro’z – Frühlingsfest in Samarkand
In Zentralasien wurde das neue Jahr schon in vorislamischer Zeit bei Tag- und Nachtgleiche gefeiert – das Navrus-Fest (persisch nav = neu, rus = Tag). (Beschreibung). Den Auftakt zum Fest am 21. März machen heute die Schulen von Samarkand im Park neben dem Rigestan. Tänze, Spiele, Sport, Vorführungen; jede Schule hat ihren Stand, an dem sie etwas zeigt. Die Kinder und Jugendlichen haben Trachten und Kostüme an. „Look, our national dress“. Die Lehrerinnen und Lehrer sind anfänglich leicht angespannt, werden aber bald auch gelöster, als sich zeigt, dass alles Vorbereitete und Einstudierte bestens klappt. Alle sind fröhlich, freuen sich, dass ein Tourist an ihr Fest kommt. „Hello, welcome to Samarkand“. Ich lasse mich einfach treiben.
Samarkand
Karte National Geographic App
Heute Morgen am Bahnhof viele Kontrollen, aber die Menschen, die die Metalldetektoren bedienen sind zuvorkommend und fröhlich. Ich habe wohl unterdessen einen „Seniorenbonus“. Dann eine kurze (d.h. vierstündige) angenehme Bahnfahrt nach Samarkand.
Schon im 8.-7. Jh. v.Chr. wurde hier ein Kanalsystem zur Bewässerung gegraben. Samarkand blühte, war u.a. berühmt für seine Papierherstellung, die grossen, grünen Gärten und als Handelsplatz an der „Seidenstrasse“. Die Stadt wurde dann im Mongolensturm unter Dschingis Khan 1219 vollständig zerstört – wie praktisch alle zentralasiatischen Städte.
Die folgenden Mongolenherrscher „turkisierten“ sich allmählich und traten zum Islam über. Unter Timur (1336 – 1405), der zwischen Mittelmeer und Delhi ebenso wütete, wie das Dschingis Khan 150 Jahre vorher getan hatte, gelangte Samarkand zu neuer Grösse. Er liess von überallher die besten Wissenschafter und Architekten in seine Hauptstadt kommen. Viele der Bauten, für die Samarkand heute berühmt ist, stammen aus seiner Zeit, sie waren für die islamische Architektur stilbildend.
Mein Hotel ist praktisch neben dem Mausoleum Timurs, also besuche ich dieses zuerst.


Danach wandere ich etwas durch die Altstadt, eine völlig andere Welt mit nichtasphaltierten Strassen, offenen Abflussrinnen und fussballspielenden Kinder. Schliesslich finde ich zum Rigestan, dem Hauptplatz, an dem drei – heute nur noch touristisch genutzte – Medresen stehen. Hochschulen, in denen nicht nur die islamischen Wissenschaften, sondern z.B. auch Mathematik und Astronomie gelehrt wurde. Ein Bild dieses Platzes habe ich vor Jahren in der NZZ gesehen und mir damals vorgenommen, nach Usbekistan zu fahren. Momentan wird der Rigestan neu gepflastert, Proportionen und die Bauten aus verschiedenen Epochen mit ihren wunderbaren Mosaiken sind aber trotzdem sehr eindrücklich.


Auf dem Rückweg am Abend sieht man gut, wie nahe Samarkand an den Gebirgszügen Tadschikistans liegt, im Pamir werden die Berge bis 7500 Meter hoch. Obwohl viele Bewohner Samarkands tadschikischen Ursprungs, also persophon sind, verliert die Sprache politisch gewollt an Bedeutung. Die 1991 entstandenen Staaten bevorzugen praktisch überall die Ethnie, nach der sie benannt sind – die von Stalin gewollt willkürlich vorgenommenen Grenzziehungen zwischen den Sowjetrepubliken verursachen jetzt, da sie wirklich Staatengrenzen geworden sind, viel Trennung, Leid und auch Hass, der sich immer wieder auch in kriegerischen Auseinandersetzungen entlädt.
Dem früheren Aralsee entlang nach Usbekistan
Während der Nacht fahren wir dem entlang, was früher mal der Aralsee war. Er ist unterdessen bis auf einen kleinen extrem salzhaltigen Rest ausgetrocknet, weil die beiden Zuflüsse für die Bewässerung der Baumwollfelder so intensiv genutzt wurden, dass praktisch kein Wasser mehr in den See fliesst. Eine ökologische Katastrophe, die sich noch verschärfen wird (vgl. einen Reisebericht und eine Analyse über die Gefahr von Kriegen um das Wasser in der Region (ETH).
Ich sehe auch nichts vom Kosmodrom in Baikonur, an dem wir ebenfalls vorbeifahren, die Territorialrechte gehören hier Russland.
Die Landschaft ist jetzt nicht mehr schneebedeckt, steppen- und wüstenartig. Entlang der Bahngeleise Dromedare, kleine Steppenpferde, Rinder, Schafe, Esel. Ich verstehe wenn ich die Landschaft betrachte, warum „Pastoralnomaden“ mit ihren Tieren über das Land ziehende Nomaden für Zentralasien so wichtig waren. An eine Landwirtschaft an einem festen Standort ist nicht zu denken. In den bewässerten Oasenstädten erfolgte dann der Austausch zwischen Nomaden und dem sesshaften Bevölkerungsteil.
Im Zug wird es bald ungemütlich, auch wenn es noch 8 Stunden bis Taschkent geht. Teppiche werden zusammengerollt, es wird gewischt und gibt nichts mehr zu essen. Die fliegenden Händler lassen laut Musik abspielen, eine Mischung von lokalen Instrumenten und Tonfolgen und westlichem Rhythmus. Die Schienen werden von leeren Petflaschen und anderen Plasticabfällen gesäumt.
Der kasachische und usbekische Zoll brauchen zusammen sicher vier Stunden für die Kontrollen. Die Usbeken nehmen die Wagen regelrecht auseinander, Deckenverkleidungen werden aufgeschraubt, alle Hohlräume abgeklopft. Bei all dem sind sie nett, lachen und geben mir Tipps, welches Schaschlik ich in Taschkent essen soll.
3500 km haben wir seit Moskau zurückgelegt als wir abends in Taschkent ankommen. Die Hauptstadt von Usbekistan hat 2.8 Mio Einwohner (Usbekistan insgesamt hat ca 29 Mio). Die Stadt liegt in einer grossen Oase. Ein grosses Erdbeben zerstörte 1966 weite Teile der Stadt. Mein erster Eindruck beim Abendspaziergang sind Monumentalbauten an langen breiten Präsentierstrassen mit viel Bäumen. Den Zirkus finde ich und in der Altstadt den Basar und eine Medrese (theologische Hochschule). Gut, wieder mal eine Dusche und ein Bett, das nicht die ganze Nacht rüttelt zu haben.


Kasachische Steppe
Um vier Uhr hält der Zug wieder, diesmal am kasachischen Grenzbahnhof. Die hübsche Grenzbeamtin hat einen stechenden Blick. Auch ein Hündchen schnüffelt herum und sucht wohl nach Sprengstoff. Als der Zug dann wieder fährt und ich eingeschlafen bin, kommt um sechs nochmals ein Uniformierter, will den Pass sehen und bedeutet mir, das iPod nicht einfach so auf dem Tisch liegen zu lassen.
Die Landschaft draussen ist jetzt flach und weiss in weiss. Die verschneite Steppe geht nahtlos in den weissen Himmel über, durchbrochen nur durch Strom- und Telefonleitungen und Zäunen gegen die Schneeverwehungen.

Kasachstan hätte landschaftlich natürlich noch mehr zu bieten, vgl. z.B. hier.
Gegen acht steigen in Aqtöbe viele neue Passagiere zu. Kasakhi: Frauen mit Kopftüchern, Männer mit Fellmützen, Kinder mit Handys… Es wird auch auf den Korridoren lebendig, SIM-Karten werden verkauft, Nescafé, Esswaren, Schmuck, Souvenirs, vakuumierte Fische, schöne Wollsachen. транс азиа steht auf den Güterwagen – Trans Asia. Ich bin in Asien.
Die Kasakhi im Abteil kommen schnell miteinander ins Gespräch, bedauern, dass sie nicht auch mit mir reden können. Die Fotos auf dem iPad vermögen sie aber zu überzeugen, dass ich nicht ganz allein auf der Welt bin…
Die Menschen in den am Zug vorbeiziehenden Dörfern ziehen ihre Lasten auf Schlitten, man sieht kaum Autos ab und zu einen alten Lada.
Am Abend kommt ein Mann, wohl etwas jünger als ich, mit Bart, wie man sich einen kasachstanischen Muslim vorstellt mit zwei Frauen in mein Abteil. Wir palavern etwas rum, wer jetzt wo schlafe – und natürlich gebe ich meine Liege unten auf damit die beiden Frauen unten schlafen können. „Wo die Gebetsstunde dich erreicht, sollst du das Gebet verrichten und das ist ein Masdschid“, sagt gemäss meinem Reiseführer der Koran. Und so verwandelt mein Mitreisender unser Abteil in einen Masdschid, vergewissert sich kurz, ob die Richtung gegen Mekka etwa stimmt und verrichtet dann mit einer Art Sprechgesang und dem sich vor Gott Niederwerfen sein Gebet. Die beiden Frauen und ich sitzen auf der Liege gegenüber und schauen zu.
Es sieht so aus, wie wenn er seine von Vorvätern und Vätern weitergegebene Religion pflegte. Von den 70 Jahren, während denen der Islam während der Sowjetzeit weitgehend unterdrückt wurde, merkt man nichts.
Nachts um zwei steigen die drei wieder aus.
Eingemachtes Voressen und lange Grenzkontrollen
Wir schlafen lange in den Morgen hinein, bis in die Gegend von Saransk. Noch ist alles verschneit, Erde und Flüsse sind noch gefroren. Am Nachmittag Kopfweh. Wir fahren der Wolga entlang und überqueren sie kurz vor Samara. Dann geht die Fahrt weiter Richtung Orenburg, wo wir auch den Fluss Ural überqueren. Hier im Süden hat der gleichnamige Gebirgszug keine Ausläufer mehr. Ich habe Asien also erreicht.
„My friend“ tischt all seine Vorräte auf. Liebevoll in Vorratsgläser abgefülltes Voressen, Brot, Tee und „Konfetti“, die russischen Schoggisnacks.
Er wird aber zunehmend nervöser, versucht mir etwas mit seinem Billett zu erklären, ich meine zu verstehen, es sei eigentlich erst für Sonntag gültig.
Die Grenzkontrollen zwischen Russland und Kasachstan beginnen um etwa 22 Uhr als wir das erste Mal den Pass abgeben müssen. Ab Mitternacht hält der Zug dann zwei Stunden auf der russischen Seite der Grenze. Erneutes Abgeben der Pässe, jeder Winkel des Zuges wird mit Taschenlampen durchsucht. My friend muss seine Papiere wieder und wieder zeigen, schliesslich muss er den Zug verlassen, er sieht traurig aus, als er nachts um zwei den Grenzpolizisten hinterher trottet. Auch die Zugbegleiter runzeln sorgenvoll die Stirn. Ein Grossteil seines Gepäcks lässt er im Zug zurück – ob es wohl in Taschkent abgeholt wird? Es tut mir Leid, all seine Vorräte so auf dem Abteiltisch stehen zu sehen.
Kitai Gorod, moderne Kunst, Skischanze
Am Morgen spaziere ich durch Kitai Gorod, ein Viertel mit vielen kleinen Geschäften. So etwas zwischen Oerlikon und Langstrasse.
Dabei finde ich auch finde ich eine grosse und sehr gut bestückte Buchhandlung. Das Sortiment scheint grösser zu sein als z.B. bei Orell Füssli.
Nach den Museen gestern möchte ich noch eine Ausstellung mit heutiger Kunst sehen und fahre zu einem Gebäude des Museums of Modern Art. Es zeigt zwei temporäre Ausstellungen. Die erste zum Thema Zirkus und seiner Ausstrahlung auf die Malerei. Filmausschnitte vom Moskauer Nationalzirkus rufen – wie ab und zu auf dieser Reise – Kindheitserinnerungen hervor. Ich erinnere mich, einige dieser Ausschnitte – Raubtiernummern, Pferde, Akrobatik, Pinguine die mit einer Eisenbahn angefahren kommen – schon mal gesehen zu haben, sei es im Circus Knie, sei es in den Weihnachtstagen am Fernsehen, als jeweils das Zirkusfestival aus Monte Carlo übertragen wurde. Interessant auch, wie da all die Sowjetoffiziere mit ihren Frauen sitzen und die Nummern teils frenetisch bejubeln.
Die zweite Ausstellung ist dem Architekten Shumakov gewidmet, Jahrgang 1954. Er hat in Moskau sehr viele Infrastrukturbauten (Brücken, Metrostationen usw.) gebaut. Fotografien davon wurden auch auf Instagram gesammelt (#shumakov). Hier stellt er aber vor allem Porträts von Familie und Freunden aus. Er sieht sich selbst als Melancholiker und Sanguiniker und hat deshalb die Porträts auch nach dieser Typenlehre gegliedert. Eigen.
Shumakov hat auch die Metrostation bei der Skischanze gebaut. Ich erinnere mich an die schöne Aussicht von dort und fahre hin. Ende der Saison, aber Ski- und Sessellift sind noch in Betrieb, bis die Paralympics in Sotschi vorbei sind, möchte man das Wintergefühl noch aufrechterhalten. Ich spaziere über die etwas sumpfigen Waldwege zur Aussichtsterrasse. Die neuen Hochhäuser könnten in einer Metropole irgendwo auf der Welt stehen.

Nach einem Abendessen im GUM Fahrt zum Kasaner Bahnhof. (Warum kommen diese organisierten Transfers häufig so massiv verspätet? Meine Nerven werden auf die Probe gestellt.) 22:48 Abfahrt nach Taschkent. Ein usbekischer Wagen mit usbekischem Personal, zwei Männern, die mich mit imposanten Pelzmützen und dicken blauen Uniformmänteln freundschaftlich begrüssen (und die sich, sobald der Zug fährt, einiges bequemer kleiden werden). Ein Mitpassagier kommt noch in das Viererabteil. Der Abschied von seiner Frau oder Freundin fällt ihm schwer, wahrscheinlich für länger – er hat sehr viel Gepäck. Es gibt sehr viele Arbeiter aus Zentralasien in Russland. Das von ihnen nach Hause geschickte Geld ist wichtig für die Volkswirtschaften der „-stan“-Staaten. In Russland werden diese Menschen aber nicht gemocht, viele müssen zu Niedriglöhnen arbeiten und unter primitiven Umständen wohnen. Fremdenfeindlichkeit, gemischt mit nationalistischem Gedankengut und Angst vor „Terroristen“ schwappen ihnen entgegen. Wirtschaftliche und soziale Unsicherheit und die Suche nach neuen Werten haben auch bei vielen Russinnen und Russen einer unguten Abwehr des und der „Fremden“ den Weg bereitet. „My friend“, wie wir uns gegenseitig nennen zeigt, wie das Bett anzuziehen ist und dass ich sicherheitshalber auf den Wertsachen schlafen solle und legt sich dann aufs Ohr.
























