Koloniale Schweiz

«Koloniale Schweiz – Ein Stück Globalgeschichte zwischen Europa und Südostasien (1860 – 1930)»

DiBildergebnis für Koloniale Schweize 2011 bei transcript erschienene Dissertation von Andreas Zangger geht der Frage nach, wie sich Schweizer zwischen der Mitte des 19. Jahrhunderts und 1930 in Singapur und auf Sumatra etablierten, in welchem Verhältnis die Migranten aus der Schweiz zu den kolonialen Strukturen in der Region standen und welche Rückwirkungen ihre dortige Anwesenheit auf die Schweiz hatte. (434)0

Einleitung

In der Einleitung weist Zangger u.a. darauf hin, dass die Migration aus der Schweiz nach Südostasien nicht dem Konzept «Auswandern» folgte, das immer eine Aufgabe einer Existenz im Herkunftsland beinhaltet. Schweizer Migration folgte dem Konzept «Im Ausland leben», das auf eine künftige Rückkehr hindeutet und die Kontakte mit dem Herkunftsland nicht abbrechen lässt. (20)

Zangger schreibt ein Stück «History of Entanglement» bzw. Verflechtungsgeschichte. Den grösseren Rahmen zitiert er so:

«Die Bedeutung des Nationalstaats hat zeitgleich zur Globalisierung an Bedeutung gewonnen1
Conrad bezeichnet die Geschichte der modernen Welt als eine Geschichte homogenisierender Effekte und wechselseitiger Aneignung und gleichzeitig als Geschichte der Abgrenzungen, der Brüche und des Bedürfnisses nach Partikularität2
Geschichte ist so im doppelten Sinne des Wortes geteilt: gemeinsam und getrennt3
Verflechtungsgeschichte versucht die gegenseitigen Einflüsse und die Abgrenzungen zugleich begreifbar zu machen. Die Verwobenheit der Welt impliziert dabei nicht Abwesenheit von Ungleichheit, Macht und Gewalt.»

Bei seiner Quellenarbeit kann sich Zangger auch auf Firmenarchive stützen, namentlich das Firmenarchiv der Diethelm Keller Holding, in die das Handelshaus Diethelm & Co aufgegangen ist (vgl. auch Diethelm Keller).

Teil A «Kaufleute im kolonialen Singapur: Netzwerkbildung im Handel mit Ostschweizer Geweben.»

Zangger beschreibt in wenigen Sätzen die Gründungsgeschichte Singapurs:

«Im Mittelalter stand eine Handelsstadt mit Namen Temasek auf der Insel an der Südspitze der malaysischen Halbinsel. Ihre Ruinen waren bereits wieder im Dschungel versunken, als Sir Stamford Raffles, Beamter der British East lndia Company, 1819 dort eine neue Stadt gründete, wobei er einen Erbstreit im Sultanat Johor ausnutzte (…)  Zugleich überrumpelte er seine Vorgesetzten in Calcutta, welche die Niederländer nicht mit einem Eingriff in ihre Einflusssphäre brüskieren wollten. Raffles ging es darum, die Opiumhandelsroute von Indien nach China zu schützen, ein Plan, der Unterstützung in London fand. Gleichzeitig schwebte ihm vor, mit einem neuen Handelsposten die niederländische Vorherrschaft im Handel mit dem malaiischen Archipel zu brechen. Freihandel war der Schlüssel, der zum Wachstum der Hafenstadt führen sollte. Freihandel bedeutete sowohl, dass der Handel im Hafen nicht mit Zöllen beschränkt werden sollte, als auch, dass der Hafen allen Nationen offen stehen sollte.» (51)

Die schon lange in Südostasien ansässigen chinesischen Kaufleute waren als «Mittelspersonen» zwischen Verkäufern und Endverbrauchern für die europäischen Handelshäuser absolut unerlässlich. «Die Gründung Singapurs unterstützte diesen Prozess wesentlich, da sich dort viele chinesische Kaufleute niederließen und ihre Netzwerke im Archipel von dort aus oder dorthin ausweiten und verstärken konnten.» (52)

Boat Quay Singapur 1888, Museum Volkenkunde, Leiden

Der Freihandel florierte bald und die Bevölkerung Singapurs wuchs stark. Zu einem weiteren Entwicklungsschub führten die Dampfschifftechnik und die Eröffnung des Suez-Kanals 1870. Insbesondere Deutsche und Schweizer drängten in den fünf Jahren vor und nach der Eröffnung des Suezkanals auf den Markt (57). Aus Europa wurden hauptsächlich Webstoffe und Textilwaren aus Baumwolle importiert. Mitte des 19. Jahrhunderts waren in Singapur aber Opium, Textilien, Pfeffer und Reis Haupthandelsgüter, um 1875 kam dann Zinn, ab 1910 Gummi dazu. Diese beiden Güter machten 1915 bereits 40% des Handelsvolumens Singapurs aus (57).

Textilexporte aus der Ostschweiz nach Asien, insbesondere aus der Buntweberei im Toggenburg und der Stoffdruckerei in Glarus waren eine Zeit lang sehr erfolgreich. Der Erfolg dieser Industrie beruhte auf handwerklichem Können, billiger Arbeitskraft in der Ostschweiz und einem guten Kommunikations- und Beziehungsnetz, das ein tragfähiges Vertriebssystem zwischen der Schweiz und Südostasien ermöglichte. Dieses Vertriebssystem beruhte wesentlich auf «Schweizer Kolonien», d.h. Handelsniederlassungen in Schweizer Hand oder mit Schweizer Beteiligung. Die dort arbeitenden Schweizer Kaufleute waren häufig Verwandte der Patrons in der Ostschweiz oder Angestellte, die sich zu Beginn ihrer Karriere in den Hafenstädten niederliessen.

Die erfolgreichen Exporte verdrängten die lokale Produktion mehr und mehr. Zangger zitiert aus einem Brief des Winterthurer Kaufmanns Bernhard Rieter aus Manila aus dem Jahre 1843:

«Alle diese Vortheile  [ ... ] helfen dem Indier aber nicht viel, um mit seiner gesamten Kraftanstrengung gegen die alles überwältigende & vertilgende Europäische Industrie anzukämpfen & wenn es mir [ ... ] eben nicht geziemt den Verfechter der indischen Industrie zu machen, so wünschte ich doch, man würde die armen Menschen nicht so mit fremden Waaren überschwemmen & ihnen ruhig ihren Erwerb gönnen. Allein unsere Civilisation wächst ihnen über die Köpfe [ ... ] & muss sie am Ende aus ihrer Arbeit vertreiben[ ... ]. Was wird aus diesen Leuten am Ende werden?» (60).

Dass z.B. Batik aus Glarus so guten Absatz fand, war auf ein genaues Studium der südostasiatischen Märkte, der Analyse der Nachfrage und dem Sammeln von Mustern zurückzuführen.

Musterbuch aus Glarus (Glarner Wirtschaftsarchiv)

Der Handel via Singapur als Freihandelshafen ermöglichte, die Marktkontrolle durch die europäischen Kolonialmächte zu umgehen. Ein Wettbewerbsvorteil der Schweizer Kaufleute war auch ihre «kulturelle Versatiltität», so lernten sie mindestens die auf den Bazaren übliche Umgangssprache und fanden schnell Umgang mit «Käufern aller Rassen des Ostens» (auch wenn die kolonialrassistische Hierarchie dabei immer gewahrt blieb). Zangger zitiert aus einer Beschreibung des Singapurer Kaufmanns Otto Alder, der 1849-1873 Schweizer «Überseer» war:

«Aber noch ein anderer Faktor machte sie schätzenswert, das war die Art ihres Umgangs mit den Käufern aller Rassen des Ostens. Von Hause aus schon gewohnt als Republikaner alten Schlages auch mit in bezug auf Bildung und Rang unter ihnen Stehenden leutselig zu verkehren, begegneten sie den Asiaten in gleicher Weise und erwarben sich deren Sympathie, so dass sie sich als Verkäufer vorzüglich eigneten.» (61)

Zangger schildert das Leben der Schweizer Kaufleute in Singapur, das mit einem relativ hohen Lohn verbunden war, aber gerade für Assistenten auch entbehrungsreich (Heiratsverbot, grosse soziale Kontrolle durch Einbindung in das abgesonderte soziale Leben der Europäer, in die deutschsprachigen Vereine bzw. den Schweizer Club). Ehen mit Einheimischen waren verpönt und hatten lange eine Art soziale Ächtung zur Folge, der «koloniale Rassismus», d.h. das System, das verschiedenen ethnischen Gruppen verschiedene Rollen in der Gesellschaft zuwies, verbot Beziehungen mit Einheimischen zu legalisieren. (129)

Ein interessantes Kapitel handelt vom «Branding»: Handel hatte sich anders als soziale Beziehungen natürlich über ethnische Grenzen hinweg abzuspielen. Doch waren Beziehungen über diese Grenzen hinweg prekär, da sie angesichts des kolonialen Rassismus sozial wenig abgestützt waren. Weil Handel, abgestützt auf persönliches Vertrauen so nicht möglich war und andererseits die Rechtsgrundlagen für unpersönlichen Handel fehlten, wurde der Handel mit Markenprodukten zu eine Zwischenform zwischen dem Handel aufgrund persönlicher Beziehungen und dem unpersönlichen Handel mit Gütern. Brands stiessen auf Interesse in einer Kultur, in der Authentisierung oder Autorisierung eine wichtige Bedeutung hat. Man kann also sagen, dass ,branding‘ als wirtschaftliche Praxis in Singapur als Lösung für ein kulturelles Problem, nämlich den kolonialen Rassismus, diente. (439) Branding setzte sich ausserhalb von Europa als Praxis zur Lösung eines neuen Problems, das im imperialen Kontext aufgetaucht war, durch (440).

Marken von Diethelm Keller (Firmengeschichte)

Teil B Ausländer in der Plantagenkultur Ostsumatras –  Glücksritter, Junker und Technokraten

Teil B beschäftigt sich mit der Plantagenkultur an der Ostküste Sumatras. «Erst wurde hauptsächlich Tabak angebaut, später kamen Kaffee, Rubber, Palmöl und Tee hinzu. Die Europäer organisierten – anders als auf Java – im Sultanat Deli und darüber hinaus den Anbau auf den Plantagen von Beginn an selbst. Es entwickelte sich das weltweit größte koloniale Projekt tropischer Agrikultur. (169)

Die Holländer hatten 1870 das von ihnen kaum kontrollierte relativ kleine Gebiet auch für ausländisches Kapital geöffnet. Zangger wählt den Begriff «Frontier» – im Gegensatz zur «Kontaktzone» in Singapur – um deutlich zu machen, dass die Inbesitznahme von Land durch Europäer als Zivilisationsschritt in der Wildnis angesehen und dabei die bisherige Landnutzung durch Indigene schlicht ausgeblendet wurde. Weil es sich um eine allmähliches Vordringen handelte, blieben eigentliche Kriege aus, aber lange dauernde schwelende Konflikte waren die Regel. Auch gab es (wie in anderen Frontiers in Amerika und Sibirien) nur eine sehr schwach ausgebildete staatliche Autorität bzw. Kolonialverwaltung.(172f.)

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/2/21/COLLECTIE_TROPENMUSEUM_Jonge_tabaksaanplant_op_helling_Deli_TMnr_10011729.jpg
Junge Tabakplantage kurz nach der Rodung (Tropenmuseum Amsterdam)

Zangger vergleicht die Schweizer (und die anderen Europäer in Sumatra) mit «kolonialen Junkern».

«Im romantischen Selbstverständnis kommt dem individuellem Erleben eine besondere Bedeutung zu, und es zeichnet sich durch rückwärts gewandte Ideen natürlicher, ständischer Ordnung aus. Das romantische Bild des kolonialen Junkerturns, wie ich es nenne, hat zwei Pole. Der eine ist die Idee gesellschaftlicher Ordnung und deutlich abgegrenzter Eliten, wie es in der militärisch und stark hierarchisch geschichteten Gesellschaft Delis besonders deutlich zum Ausdruck kam. Der andere Pol betont den Aspekt der Selbstbehauptung, sowohl ökonomisch als auch moralisch in Form einer bestimmten Idee von Männlichkeit.» (175)

Auf Sumatra herrschte unter den Pflanzern also ein ähnliches Selbstverständnis vor wie in den amerikanischen Südstaaten oder bei den preussischen Junkern.

Haus von Pflanzern „Perséverence“ in Deli, ca. 1870. (Tropenmuseum Amsterdam)

Arbeitskräfte für die Plantagen zu finden war schwierig, die Pflanzer «beschränkten sich bald weitgehend auf chinesische Arbeiter, denn diese galten als fleißig und als empfänglich für Anreizsysteme wie Geld, freie Zeit oder Akkord. Ende der 1870er Jahre übertraf die Zahl der importierten Arbeitskräfte diejenige der malaiischen Bevölkerung. 1900 waren bereits 100.000 Arbeiter aus China und Java an der Ostküste tätig (…)  Der Import von Arbeitskräften nach Sumatra ist damit Teil der globalen Arbeitsmigrationsbewegungen nach der Abschaffung der Sklaverei», sogenanntem «indentured labour»; die Kontraktarbeiter wurden meist «Kulis» genannt.

Chinesische Arbeiter und Aufsichtspersonen (Vorarbeiter) in Deli. (Tropenmuseum Amsterdam)

Misshandlungen, etwa das zu Tode geisseln von Kulis kamen vor, Untersuchungen stiessen meist auf eine Komplizenschaft des Schweigens, die weissen Farmer schwärzten einander nicht an (252).

Auch auf den Plantagen herrschte Frauenmangel, das Zusammenleben mit einheimischen Frauen, das dann nach einer Heirat im Heimaturlaub aufgelöst wurde, war für Unverheiratete die Regel (282)

Die Tabakkultur erlebte zwischen 1880 und 1887 einen Boom, brach nach der Einführung neuer Zölle in den USA aber weitgehend ein, was zum Konkurs sehr vieler Plantagengesellschaften führte. In den 1890er-Jahren setzte dann eine Erholung ein. Schweizer als Besitzer von Tabakplantagen verschwanden aber, viele Pflanzer der ersten Generation wurden durch den Verkauf ihrer zu kleinen Plantagen an grosse holländische Gesellschaften vermögend und kehrten in die Schweiz zurück. Es gab aber für einen neuen Typ «Manager» aus der Schweiz nach wie vor Arbeit und Karrierechancen. Dieser neue Typ zeichnete sich durch buchhalterische Fähigkeiten oder durch Anwendung rationaler Methoden im Landbau aus, er unterschied sich also von den alten prototypischen Pflanzern, die selbständige Unternehmer waren und stolz darauf, sich im «Kampf ums Dasein» bewährt zu haben (221).

«Die Rubber-Kultur auf Sumatra begann 1905 und nahm einen solch rasanten Aufschwung, dass Hevea innerhalb weniger Jahre zur bedeutendsten Plantagenkultur wurde.» Latex spielte als Rohstoff in der zweiten Industrialisierung mit Elektrotechnik (Isoliermaterial für Überseekabel) und dann der aufkommenden Automobilindustrie eine wichtige Rolle. Die Nachfrage übertraf das Angebot, die Preise stiegen. (221)

Die etablierten Kaufleute in Singapur betrachteten die meist jungen Landsleute auf Sumatra mit Skepsis, sprachen von «pflänzerle»:

«lm Ausdruck ,pflänzerlen' verdichtet sich die Skepsis der Kaufleute in doppelter Hinsicht: Es zeigt sich darin nicht nur die Herablassung des städtischen Kaufmanns gegenüber dem bäuerlichen Plantagenuntemehmer mit dem Geruch seiner bäuerlichen Tätigkeit, ,pflänzerlen' riecht auch nach schnellem und vergänglichem Geld, das dem langfristig planenden, vorsichtigen und auf gute Verbindungen zur Schweizer Exportwirtschaft setzenden Kaufmann anrüchig erscheint. Handelshäuser in Singapur waren in die schweizerische Exportwirtschaft eingebunden. Die Karrierewege waren mehr oder weniger transparent.»(263)

Während sich die Kaufleute in Singapur meist aus dem Umfeld der Ostschweizer Textilexportindustrie rekrutierten, war Sumatra attraktiv für junge abenteuerlustige Kaufleute, die in ihrem Beruf keine Karrieremöglichkeiten sahen, aber auch für ein in der Schweiz verschwindendes bürgerliches Milieu, das sich an Wertvorstellungen von adeligen Grossgrundbesitzern orientierte (265)

Bildergebnis für TropenspiegelEinige Pflanzer haben ihre Erfahrungen in Sumatra literarisch umgesetzt, verschiedene mehr oder weniger getreue Tatsachenromane wie «Tropenspiegel», «Mein Mörder auf Sumatra», «Nachtwache» (alle G. Rudolph Baumann», «Unter malayischer Sonne: Reisen, Reliefs, Romane»  (Paul Naef)  und «Die Unverbindlichen» (Alfred Keppler) sind entstanden.

Teil C: Vernetzungen und Verflechtungen – Die Schweiz in Südostasien – Südostasien in der Schweiz

In diesem Teil geht Zangger auf einige Verflechtungen zwischen der Schweiz und Kolonien ein. Er zeigt z.B. auf, wie die Versicherungsbranche über Transportversicherungen für Transporte aus und von Kolonien gross wurde und sich dabei auf die Handelsnetze der Textilimporteure stützen konnte (299). Auch zeichnet er das Verhältnis zwischen Kapitalgebern (in der Schweiz bzw. anderen europäischen Ländern) und den Managern in den Tropen nach. Dies macht er u.a. am Beispiel von Seminardirektor und Naturforscher Heinrich Zollinger, der schon früh im Auftrag der niederländischen Regierung in Java tätig gewesen war und nach seinem Rücktritt als Seminardirektor in Küsnacht eine Plantagengesellschaft für Kokos in Ostjava gründete und weitere Forschungen unternahm (324).

Auch die Verflochtenheit der Familie von Generalstabschef Theophil von Sprecher mit ihren Plantagengesellschaften wird berührt, die Sprechers konnten in Sumatra ihren Ideen von Grossgrundbesitz und militärischer Disziplin verwirklichen (330).

Der Zirkulation von Forschern, Objekten und Wissen ist ein weiteres Kapitel in diesem Teil gewidmet

«Das niederländische Kolonialreich war traditionellerweise durchlässig für Europäer anderer Nationen und rekrutierte viele Schweizer als Soldaten, Chirurgen und später als Wissenschaftler» (351). Die Kooperation mit Forschern in den Kolonien förderte auch die Forschung in der Schweiz, die naturforschenden und die ethnographischen Gesellschaften waren dabei wichtig für Forschung und Verbreitung. Andreas Zangger berichtet unter anderem von Fritz und Paul Sarasin, deren Biographien und Wirken ja dann 2015 von Bernhard C. Schär in «Tropenliebe» sehr detailliert dargestellt worden sind. Die Botanik in der Schweiz stand in regem Austausch mit dem botanischen Garten Buitenzorg in Java, ansonsten waren meistens im Ausland lebende Schweizer aufgerufen, Objekte für Sammlungen von Hochschulen und für Museen zusammenzutragen, da die Schweiz ja im Unterschied zu den Staaten mit Kolonien keine staatlichen Möglichkeiten hatte, in den Tropen Material zu sammeln.

Schlusswort

Villa Patumbah, Zürich. Erbaut mit dem mit einer Tabakplantage in Sumatra erzielten Gewinn. (Wikipedia)

In seinem Schlusswort schreibt Zangger, dass die offizielle Schweiz tatsächlich nur am Rande in den Kolonialisumus involviert war, dass eine Geschichte der Schweiz jedoch über die politischen Institutionen hinausgehe und die Gesellschaft als Ganzes betreffe. «Unter den Eliten in der Schweiz bestand offenbar ein Konsens, dass der Anschluss an Gebiete in Übersee, über die Exportwirtschaft und zivilgesellschaftliche Institutionen organisiert werde.» (433). Die Schweizer befanden sich im wirtschatlichen Verhältnis zu den Kolonialisatoren in einer Aussenseiterposition, da die profitabelsten Unternehmungen meist in den Händen der imperialen Mächte waren, sie also Nischen finden mussten.

Gesellschaftlich gehörten die Schweizer aber zur weissen kolonialen Oberschicht und rechtlich nutzten sie die Privilegien von Europäern in den Kolonien (435). Sie förderten so als Pflanzer an den Siedlungsrändern z.B. die Ausbreitung des faktischen Kolonialgebietes und unterstützten die Kontraktarbeit.

«Das System zeigt bis heute Nachwirkungen auf die Ökologie der Region, die Landnutzung und die ethnische Zusammensetzung der Gesellschaft, alles Ursachen von sozialen Spannungen.» (436)

Die im Ausland lebenden Schweizer übernahmen und reproduzierten koloniale Denkmuster.

«Dies beinhaltet unter anderem ein elitäres Selbstverständnis, soziale Abgrenzung gegenüber Asiaten in rassistischen Denkmustern sowie die Legitimation europäischer Expansion durch die Gegenüberstellung von Tradition und Modeme bzw. Natur und Zivilisation.» (436)

Zusammenfassend schreibt Zangger, dass «die Schweiz als Staat nicht imperialistisch auftrat, dass jedoch zahlreiche Institutionen der schweizerischen Gesellschaft mit der Ausgestaltung des Kolonialismus sehr wohl in vielen verschiedenen Facetten zu tun hatten.» (436)

«Zusammenfassend können also wesentliche Merkmale helvetischen Selbstverständnisses -  die Aufgabenteilung von Wirtschaft und Politik, die Bedeutung des Bildungsstandorts und die Verpflichtung zu kultureller Versatilität als Reaktionen auf die imperialen Strategien der Großmächte gelesen werden.  Es ist die Antwort eines relativ kleinen, bürgerlichen Landes ohne Kolonien auf das Verhältnis Europas zur Welt. Sie wirkt bis heute nach.» (442)

0 Die Seitenzahlen beziehen sich auf die 2011 bei transcript erschienene Fassung (gedruckte Version und e-Book)
1 Mann, Michael (2006). Globalization, Macra-Regions and Nation-States. In: G. Budde u. S. Conrad (Eds.). Transnationale Geschichte Themen, Tendenzen und Theorien, 21-31.
2 Conrad, S. (2006). Globalisierung und Nation im deutschen Kaiserreich, 11
3 Randeria, Shalini u. Sebastian Conrad (2002). Einleitung: Geteilte Geschichten – Europa in einer postkolonialen Welt. In: dies. (Eds.) (2002), 17

Visualizing Japan (1850s-1930s) – ein empfehlenswerter MOOC

Dieser MOOC mit dem vollständigen Titel «Visualizing Japan (1850s-1930s): Westernization, Protest, Modernity» wird von MITx und edX (Harvard) gemeinsam angeboten wird. John Dower, Emeritus des MIT, Andrew Gordon, der Lee and Juliet Folger Fund Professor of History an der Harvard University und Shigeru Miyagawa, der Kochi-Manjiro Professor of Japanese Language and Culture am MIT zeichnen gemeinsam verantwortlich für den Kurs.

Der MOOC besteht aus drei Hauptteilen, die durch Überleitungen miteinander verbunden werden.

  • Black Ships and Samurai, in dem die Zeit der unter Gewaltandrohung erfolgten «Öffnung» Japans beleuchtet wird
  • Social Protest in Imperial Japan: The Hibiya Riot of 1905. In diesem Modul werden die sozialen Unruhen nach dem russisch-japanischen Krieg thematisiert, im Wesentlichen anhand der Illustrationen in einer Zeitschrift
  • Modernity in Interwar Japan: Shiseido and Consumer Culture illustriert mit Plakaten, Anzeigen und Zeitschriften der Kosmetikfirma Shiseido die 1920er und 1930er Jahre in Japan.

Auf der Website Visualizing Cultures, die von John Dower initiiert wurde und vom MIT betrieben wird, sind all die visuellen Quellen zusammen mit informativen Essays dazu vorhanden.

Black Ships and Samurai

Die Aussenkontakte Japans werden vor Perrys Ankunft 1853 völlig vom Bakufu, der Militärregierung des Tokugawa-Shogunats kontrolliert und sind äusserst eingeschränkt. Der Handel mit dem Westen und mit China findet lediglich über Nagasaki statt. Dort ist es der Niederländischen Ostindien-Kompanie erlaubt, auf der künstlichen Insel Deshima eine Handelsstation zu betreiben, über die auch westliche Wissenschaft nach Japan fliesst.

Dejima bei Nagasaki (Kawahara Keiga. Dutch Ship Entering the Harbor. Early 19th century. Hand scroll. Nagasaki Municipal Museum. Worlds Revealed. Edited by Peabody Essex Museum and Edo-Tokyo Museum. Tokyo, 1999.) CC BY NC SA , MIT

In Japan ist das Shogunat gut darüber orientiert, wie China im Opiumkrieg den viel besser ausgerüsteten britischen Truppen weit unterlegen war und wie es zu ungleichen Verträgen gezwungen wurde. Auch über die USA haben die Samurai Informationen. John Manjiro, der als Schiffbrüchiger 1841 von einem amerikanischen Schiff gerettet und danach 10 Jahre in den USA und auf amerikanischen Walfangschiffen gelebt hatte, wird nach seiner Rückkehr 1851 intensiv befragt.

Als Perry 1853 mit seinen vier Schiffen in Uraga, an der Einfahrt zur Edo-Bucht auftaucht, ist das also für die Elite keine völlige Überraschung. Perry verlangt im Auftrag von US-Präsident Fillmore gute Behandlung von schiffbrüchig gewordenen Walfängern, die Öffnung von zwei japanischen Häfen, in denen die Walfänger Zuflucht finden und Proviant aufnehmen können und die Aufnahme diplomatischer Beziehungen, was die Entsendung eines amerikanischen Konsuls nach Edo einschliesst. Perry kündet an, nach kurzer Zeit zurückzukommen, um die Antwort des Kaisers (er geht davon aus, dass dieser das Land regiert) entgegenzunehmen. Er macht klar, dass die USA nötigenfalls nicht zögern werden, ihre Forderungen gewaltsam durchzusetzen.

Perry wird von Malern (v.a dem Deutschen Wilhelm Heine) und Fotografen begleitet und auch auf japanischer Seite fertigen Künstler viele Illustrationen über die Begegnungen an, die ein reichhaltiges, faszinierendes Bild davon abgeben, wie sich Vertreter der beiden Kulturen gesehen haben. Die «offiziellen» Darstellungen weichen erheblich voneinander ab:

Heine, William. Delivery of the President’s Letter. ca. 1856. Lithograph. Narrative of the Expedition. Edited by Francis L. Hawks. Washington, D.C., 1856. . CC BY NC SA , MIT
Perry Taking a Bow to the Japanese Magistrate. 1854. Woodblock print. Ryōsenji Treasure Museum. CC BY NC SA , MIT

Der zweite Besuch sechs Monate später 1854 dauert länger, während ihres Aufenthaltes an Land werden die Crewmitglieder von japanischen Künstlern aufmerksam beobachtet:

Ein Schiff Perrys und Crewmitglieder, zeitgenössische japanische Darstellung (Ryosenji Treasure Museum) CC BY NC US 3.0 , MIT
Begegnung von zwei Kulturen. Crewmitglieder Perrys versuchen sich beim Enthülsen. Black Ship Scroll. 1854. Hand scroll. Honolulu Academy of Arts. CC BY NC SA , MIT

Während dieses zweiten Besuches  wird – obwohl das Shogunat über die Frage, ob es zustimmen soll tief gespalten ist – der Vertrag von Kanagawa geschlossen, in dem die amerikanischen Forderungen weitgehend akzeptiert werden.

Meiji-Modernisierung
In einem kurzen Übergangsteil wird im MOOC dann auf die die Modernisierung Japans im Zuge der ursprünglich konservativen Meiji-Restauration, eher einer Revolution, (1868) eingegangen. Die gegen das Tokugawa-Shogunat gerichteten und schon vor Perrys Ankunft existierenden Kräfte übernehmen die Macht, das Tokugawa-Shogunat in Edo mit seinen Regionalfürsten, den Daimyo, wird ersetzt durch eine zentralere, modernere Staatsform. Der nun in Tokio, dem früheren Edo residierende Kaiser wird Staatsoberhaupt, ein Parlament und eine Verfassung werden geschaffen.

Japan lernt schnell und «öffnet» seinerseits 1876 mit Kanonenbootpolitik Korea. Die Meiji-Regierung setzt nun auf Modernisierung in allen Belangen, Yokohama wird eine «Boomtown»

Sadahide. Picture of a Mercantile Establishment in Yokohama. 1861. Woodblock print. Arthur M. Sackler Gallery, Smithsonian Institution. CC BY NC SA , MIT

Industrialisierung, Aufrüstung und Urbanisierung erfolgen in hohem Tempo.

Utagawa Kuniaki II. Illustration of the Silk Reeling Machine at the Japanese National Industrial Exposition. 1877. Woodblock Print. Sharf Collection, Museum of Fine Arts, Boston. . CC BY NC SA , MIT

Japan gewinnt den chinesisch-japanischen Krieg, bei dem es wesentlich um Einfluss in Korea geht. Korea gehört nun ganz zur japanischen Einflusszone und wird später zuerst Protektorat, dann Kolonie Japans. Japan erhält Formosa (Taiwan) und die Liadong-Halbinsel, die es jedoch wegen der «Triple-Intervention» durch Russland, Frankreich und Deutschland wieder verliert und die dann durch Russland gepachtet werden kann.

Russisch-japanischer Krieg CC BY NC SA , MIT

1904/1905 gelingt es Japan im russisch-japanischen Krieg eine traditionelle westliche Macht zu schlagen. Der grösser werdende Einfluss Russlands in der Mandschurei, in der seit dem Boxer-Aufstand viele russische Soldaten stationiert sind, wird beseitigt. Der von US-Präsident Theodore Roosevelt vermittelte Vertrag von Portsmouth bringt zwar den Rückzug Russlands aus der Mandschurei, wo Japan eine wichtige Eisenbahn-Konzession erhält und die südliche Hälfte Sachalins, ansonsten aber keine Landgewinne. Auch mit Reparationszahlungen kann Japan, das seine Steuern während des Krieges massiv erhöhen musste, nicht rechnen. Der in den Augen sehr vieler Japaner schlechte Vertrag führt zu den Hibiya-Unruhen 1905. Hier setzt das zweite Modul des Kurses ein.

Social Protest in Imperial Japan: The Hibiya Riot of 1905
Die dreitägigen Hibiya-Unruhen, nach dem Park im Zentrum in Tokio, in dem sie begannen benannt, werden anhand von Bildern, hauptsächlich aus dem illustrierten Magazin «Tokyo Riot Graphic», dargestellt und analysiert.

The Tokyo Riot Graphic (Tokyo: Kinji Gahō Company), 66 (September 18, 1905). . CC BY NC SA , MIT

Wie schon John Dower im ersten Teil versteht es auch Andrew Gordon, die Bilder als aussagestarke Quellen zu analysieren. Er erreicht damit die Ziele «to discover the role and significance of protest in early twentieth-century Japan; and second, to consider how studying images can shed new light on historical events.» Der durch den technischen Fortschritt ermöglichte Medienwandel hin zu Zeitschriften mit zahlreichen Illustrationen (Lithographien und Photograpien) wird mit dem Magazin «Wartime Graphic» aus dem russisch-japanischen Krieg dargestellt. Durch die Darstellungen des Krieges kann man auch den Aufruhr, der auf Grund des Vertrages von Portsmouth entsteht nachvollziehen. Die Unruhen werden von verschiedensten sozialen Schichten getragenen, sie sind die ersten sozialen Proteste im Zeitalter der japanischen «imperialen Demokratie».

The Tokyo Riot Graphic, No. 66, Sept. 18, 1905. . CC BY NC SA , MIT

Es wird klar, dass das Ziel, eine imperiale Macht zu werden von der Bevölkerung unterstützt wird, dass sie aber auch politische Partizipation einfordert.

In einigen Übergangssequenzen des MOOC werden weitere soziale Unruhen, der Aufstieg der Gewerkschaften im Zuge der fortschreitenden Industrialisierung, ihre Radikalisierung nach dem ersten Weltkrieg und die aktive Stellung der Frauen in der Gewerkschaftsbewegung dargestellt. Eine Sequenz zeigt einen Besuch in der Sammlung des Ohara-Institutes, in dem viele Poster, Flugblätter usw. aus dieser Zeit aufbewahrt und auch digitalisiert wurden. Anhand der verschiedenen Graphiken wird auch die intensive Vernetzung mit der weltweiten Arbeiterbewegung klar.

Parallel zu Armut und Protestbewegungen in der Zwischenkriegszeit und auch parallel zu den Hungersnöten in den ländlichen Gebieten entsteht in der Zwischenkriegszeit «das neue Tokio». Die Stadt wird nach dem grossen Kanto-Erdbeben 1923 zu grossen Teilen neu aufgebaut, es entsteht eine moderne Stadt mit einer urbanen Konsumkultur mit der Ginza als kosmopolitischem Zentrum.

From the series One Hundred Views of New Tokyo, collection of Carnegie Museum of Art, 1027126 . CC BY NC SA , MIT

Modernity in Interwar Japan: Shiseido and Consumer Culture

Das dritte Modul des Kurses nimmt seine Illustrationen aus dem Archiv der Kosmetikfirma «Shiseido». Der hochstehende Mix aus Kunst und Kommerz eignet sich sehr gut, um die Modernität im Japan der Zwischenkriegszeit mit ihrer vielfältigen kosmopolitischen Vernetzung aufzuzeigen. Gennifer Weisenfeld, Professor of Art, Art History & Visual Studies an der Duke University wirkt als Gast in diesem Modul mit.

Shiseido-Poster 1925. . CC BY NC SA , MIT

Die Ästhetik der Zwischenkriegszeit mit Paris als Zentrum und Inspirationsquelle, Art Nouveau und Art Déco zeigen auch auf, wie sich das Frauenbild, Vorstellungen der idealen Familie, Schönheitsideale usw. transnational ändern. Bauhaus, Hollywood und Massenproduktion haben grossen Einfluss, Plakate sind zum Teil avantgardistisch. In Japan wie anderswo erscheinen mit den eigenständigen «Moga» (Modern Girls) den gebildeten Hausfrauen «good wife, wise mother», den «working woman» neue Frauentypen (alle Zielgruppen von Shiseido). Luxuriöses Leben ist ein Ideal, von dem man in allen Schichten träumen und an dem man dank der Shiseido-Produkte ein wenig teilhaben darf.

Shiseido-Poster, 1927. CC BY NC SA , MIT

In den 1930er-Jahren werden die Bilder dann nationalistischer, zum Teil militaristischer. Nationale Symbole wie die Fahne, Mount Fuji oder auch Flugzeuge und Uniformen sind vermehrt zu sehen.

Den Abschluss des Kurses bildet ein Ausblick auf den zweiten Weltkrieg, auf die Beziehungen von Modernität und Militarismus, den Pan-Asianismus mit dem Ziel der Überwindung des westlichen Kolonialismus in weiten Teilen Asiens. Der japanische Militarismus wird nicht als reaktionärer Rückgriff auf die semi-feudale Vergangenheit, als Verführung der Massen erklärt, sondern als Teil der Modernität, als eine Mischung aus Druck und Einverständnis («coercion and consent»)

Shiseido Chainstore Alma Mater 1940. CC BY NC SA , MIT

Dieser xMOOC ist sowohl didaktisch wie inhaltlich sehr gut gemacht. Er nutzt die Visualizing Cultures-Sammlung des MIT optimal, führt einerseits in die faszinierende Zeit zwischen Perry und dem Beginn des zweiten Weltkrieges ein, zeigt aber andererseits auch auf, wie reichhaltig und aussagekräftig Bilder als Quellen sind. Die beiden hauptsächlich durch die Module führende Professoren sind führende Experten auf ihrem Gebiet, sie haben aber auch eine sympathische Präsenz in den vielen Videosequenzen, ihr Enthusiasmus für die Geschichte Japans und für die Bilder, ebenso wie ihre hohen wissenschaftlichen Standards sind deutlich spürbar.

 

George Packer und die „Abwicklung“

 

Den Auftakt zur Applied History Lectures im Sommersemester 2017 (PDF) unter dem Titel «War’s das? – der Westen und die Demokratie» macht George Packer. Er hat mit «Die Abwicklung» («The Unwinding») schon 2013 «eine innere Geschichte des neuen Amerika» geschrieben, die die Wahl Trumps völlig nachvollziehbar macht.

Packer wird von Klapproth interviewt und das Gespräch dreht sich stark um das Buch Packers. Eine ausführliche Rezension hat z.B. der Deutschlandfunk gebracht.

Die Zeit schrieb:
«George Packers Die Abwicklung gleicht der Vivisektion einer Nation von fast 320 Millionen Menschen mitten in ihrer sozialen, ökonomischen, politischen und normativen Auflösung. Die Roosevelt-Republik mitsamt ihrer staatlichen Daseinsfürsorge, ihren Gewerkschaften und Einhegungen monopolistischer und finanzwirtschaftlicher Machtansprüche löst sich seit mehr als zwei Jahrzehnten auf. Packer: „Die Lücke schloss eine Macht, die in Amerika immer zur Stelle ist: das organisierte Geld.“» Sie zitiert damit aus dem Prolog Packers:

"Niemand kann mit Sicherheit sagen, wann die Abwicklung begann - wann die Bürger Amerikas zum ersten Mal spürten, das die Bande sich lösten, die sie sicher, manchmal erdrückend fest wie eine eng gewickelte Spule, zusammengehalten hatten [...] Wer um 1960 oder später geboren wurde, hat sein gesamtes Erwachsenenleben im Taumel dieser Abwicklung verbracht. Er mußte mit ansehen, wie Bauwerke und Institutionen, die bereits vor seiner Geburt bestanden hatten [...] in der gewaltigen Landschaft wie Salzsäulen zerfielen. Auch andere Aspekte, weniger deutlich sichtbar vielleicht, aber mindestens ebenso unerlässlich für ein geordnetes Alltagsleben, zerbröckelten bis zur Unkenntlichkeit - der Umgang in den Hinterzimmern von Washington, die Tabus in den New Yorker Handelsbüros, Manieren und Moral [...] Die Lücke schloss eine Macht, die in Amerika immer zu Stelle ist: das organisierte Geld."

George Packer hat sein Sachbuch aufgebaut wie die USA-Trilogie aus den 1930er-Jahren von John Dos Passos (New York Times), d.h. lange Sequenzen, in denen die Biographien von unbekannten Amerikanerinnen und Amerikanern nachgezeichnet werden; kürzere Einsprengsel mit Episoden aus dem Leben prominenter Amerikanerinnen und Amerikaner – von Colin Powell bis zu Jay-Z – und «Newsreels» Schlagzeilen, Fragmente von Mails, Werbespots usw. Die Entwicklungen der letzten 40 Jahre werden so anhand der Personen, die wir im Buch verfolgen und mit deren Augen wir das Geschehen sehen, deutlich dargestellt – die Erzählstränge werden nicht durch weitergehende Systematisierungen unterbrochen, auch wenn Packer (wie an der «Applied History Lecture» deutlich wird) sie durchaus leisten könnte.

Die «Abwicklung» des seit Roosevelt geltenden Gesellschaftsvertrags mit seinen Regeln, Konventionen und Institutionen, der die Etablierung der grossen amerikanischen Mittelklasse ermöglichte, kann auf verschiedenen Ebenen ausgemacht werden. Ich wähle einige aus. Die Zitate sind Ausschnitte aus Packers Buch, sie sind hier aus dem Zusammenhang der verschiedenen Erzählstrange herausgerissen, ich habe sie als einzelne Puzzleteile den verschiedenen Ebenen hinzugefügt, ohne mit Bestimmtheit zu wissen, ob Packer seine eigene oder die Meinung eines seines Protagonisten wiedergibt. Denn, wie der Rezensionist der New York Times schreibt:

"I use the word "seems a lot because Packer rarely comes out and says what he thinks. Thea i a book of nearly pure narrative, and his meanings are embedded inthe way he portrays people (...).
Politik

Das Vertrauen in die Politik begann schon mit Watergate massiv abzunehmen, wenn Packer auch konstatiert: «doch selbst der schlimmste politische Skandal der amerikanischen Geschichte bewies noch die institutionelle Stärke der Demokratie: Der Kongress, die Gerichte, die Presse, der Wille des Volkes genügte, um das Krebsgeschwür herauszuschneiden.» (Pos. 2978) 1

Mit der Öl- und der darauffolgenden Wirtschaftskrise und dem für viele wenig inspirierenden Jimmy Carter begann aber in den späten 1970er-Jahren die «Abwicklung»:

«1978 hatte die Stimmung im Land ihren Tiefpunkt erreicht: Städte wurden durch Vandalismus verwüstet, Stagnation und Inflation vernichteten die Kaufkraft, im Weißen Haus saß ein humorloser Moralist, der Opferbereitschaft predigte. Das Misstrauen gegenüber Behörden und Verbänden stieg, die Bevölkerung war frustriert und ließ sich – von Populisten und Konservativen – gegen Staat und Steuern aufwiegeln.» (Pos 354). 1979 folgte dann die Malaise-Rede von Carter, in der er eine «Krise des Vertrauens» im Land diagnostizerte und warnte «dass viele von uns jedes Maß verloren haben und nur noch dem Konsum frönen» (Pos 484).

Carters „Crisis of Confidence“ Speech (July 15, 1979) Youtube.

Die Reagan-Jahre brachten zwar einen Präsidenten, der wieder Optimismus verbreitete, die Staatsverschuldung wuchs aber wegen der Steuersenkungen ständig an, Infrastruktur wurde vernachlässigt, man setzte ja auf Privatisierungen, die Umverteilung des Wohlstandes zu ungunsten der unteren Einkommenssegmente wurde stärker. Gleichzeitig kamen Leute wie Newt Gingrich politisch zu Einfluss, die aus der Unzufriedenheit Kapital schlagen konnten: «Spender, wusste Gingrich, motivierte man, indem man ihnen Angst machte, ihre Wut schürte und jedes Thema als eine Wahl zwischen Gut und Böse darstellte (…)

Time Magazine, Cover vom 9. Januar 1995: New Gingrich

Ende der Achtziger gelang es Gingrich, die eigene Partei und die gesamte politische Kultur in Washington radikal zu verändern. Radikaler vielleicht als Reagan – und jeder andere Politiker nach ihm.» (Pos 411). Überparteiliche Verständigung war kaum mehr möglich, Kompromisse wurden verunmöglicht, Lösungssuchen gingen in Filibustern unter. Letztlich ging es jetzt darum zu verhindern, dass die Gegenseite irgendeinen Erfolg vorweisen konnte.

Die Clinton-Jahre schädigten mit der Lewinsky-Affäre das Ansehen der Präsidentschaft weiter, Packer schildert auch den übergrossen Einfluss der Lobbyisten: Zwischen 1998 und 2004 wechselten 42 Prozent der nicht wiedergewählten Kongressabgeordneten sowie die Hälfte der Senatoren in die Lobbyarbeit.» (Pos. 3048). Wahlkämpfe waren nur mit sehr hohen Geldmitteln zu gewinnen, die spendenden Firmen wollten und bekamen dafür auch einen «Return of Investment», was bald als ganz normal angesehen wurde:  «Das alte Washington –die Presse, die bessere Gesellschaft, die Hüter von Tradition und Moral –tat entsetzt. Doch das neue Washington verstand, dass die Begnadigung von Marc Rich einfach nur ein gut eingefädeltes Geschäft gewesen war.» (Pos. 3090)

Glass Steagall: Das Bankengesetz von 1933 wurde 1999 ausser Kraft gesetzt. Bild: http://adeemm.com/newdeal/

Die Deregulierung unter Clinton führte dazu, dass die Finanzinstitute weitgehend freie Hand für Spekulationen, Derivathandel usw. bekamen. 1999 wurde das Glass-Steagall ausser Kraft gesetzt, das den Banken die Trennung zwischen dem Investitionsgeschäft und den Konten privater Sparer vorgeschrieben hatte. Es war 1933 vom Kongress verabschiedet worden und wurde 1999 von Demokraten und Republikanern gemeinsam ausser Kraft gesetzt und von Clinton unterzeichnet (Pos. 5396).

Einer der Protogonisten von Packers Buch, Jeff Connaughton formulierte in einem eigenen Buch eine „Universaltheorie“ zur Bedeutung des Geldes in Amerika seit den Achtzigerjahren: «Als an der Wall Street und in Washington auf einmal unglaublich viel verdient wurde, als es plötzlich möglich war, riesige Summen in die eigene Tasche zu wirtschaften –ich selbst bin ein lebendiges Beispiel dafür, kein Mensch weiß, wer ich bin, aber ich hatte Millionen, als ich Washington verließ –, als bestimmte Praktiken kaum noch ernsthafte Konsequenzen hatten, als Verhaltensnormen wegbrachen, die zumindest die schlimmsten Exzesse der Geldmacherei verhindert hatten, kippte plötzlich die gesamte Kultur. Und zwar gleichzeitig an der Wall Street und in Washington.» (Pos. 3161)

Als die zweite Bush-Regierung Colin Powell vorschickte, um 2003 den Irak-Krieg vor der UNO mit einer Lüge zu rechtfertigen, wurde die die Institution Regierung ein weiteres Mal schwer beschädigt. (Pos. 3034)

Packer hatte an der Veranstaltung (und er hat in seinem Buch) auch wenig Verständnis für Obama, der sich in Wirtschaftsfragen mit Wall-Street-Männern umgab und in dessen Amtszeit keine für die Finanzkrise Verantwortlichen belangt wurden. «Wieder einmal zeigte sich, dass das Establishment (…) die Katastrophe ungeschoren überstehen würde. Das Establishment konnte Fehler um Fehler machen, es kam trotzdem immer durch, und am Ende profitierte es noch von den eigenen Fehlern. Es war wie im Kasino, die Bank gewann am Ende immer.» (Pos. 5410)

«Andererseits verschwendete der Präsident sein erstes Jahr darauf, der Gegenseite, die ihm keinen Zentimeter entgegenkam, Kompromisse anzubieten, und er tat alles, um den Bankern, die in der Finanzkrise so eine schlechte Figur gemacht hatten, die Konsequenzen zu ersparen. Der Präsident sprach immer von einer „neuen Ära der Verantwortung“, wenn es aber um diese Typen ging, schien das nicht zu gelten.» (Pos. 6187)

Wirtschaft
Rust Belt. Foto: Bob Jagendorf, Flickr

Mitte der 1975er-Jahre setzte die De-Industrialisierung ein, die amerikanische Industrie verlor im Zuge der Globalisierung in weiten Teilen ihre Konkurrenzfähigkeit. Stahlwerke begannen zu schliessen, die Autoindustrie geriet in eine Krise, «Was in Youngstown passiert war, nahm nun auch in Cleveland, in Toledo, Akron, Buffalo, Syracuse, Pittsburgh, Bethlehem, Detroit, Flint, Milwaukee, Chicago, Gary, St. Louis und in anderen Städten eines Gebiets seinen Lauf, das ab 1983 unter einem neuen Namen bekannt wurde: Rust Belt.» (Pos 986).

Auch der Tabakanbau ging rasant zurück, ab «1983 waren die Verkäufe rückläufig. In dieser Zeit begann die Regierung, verstärkt Druck auf die Zigarettenindustrie auszuüben. Außenwerbung wurde verboten, die Steuern wurden verdoppelt. Anti-Raucher-Kampagnen zeigten in der Öffentlichkeit enorme Wirkung.»

Die Macht der Gewerkschaften nahm ab, die Betriebe gliederten ganze Abteilungen aus, um dank jetzt viel niedrigerer Löhne billiger produzieren zu können, die Arbeitslosigkeit stieg an. «Sie wollten die festen Beschäftigten loswerden, also haben sie sie ausgegliedert, sie haben sie in eine andere Firma überführt, da mussten sie sich nicht mehr um sie kümmern. Sie gehörten ja nicht mehr zu GM» (Pos. 2851).

Lösungen wurden kaum gesehen:  «Die Experten in Washington und New York hielten den Abstieg für unvermeidlich: technische Neuerungen, Globalisierung. Die Phase der Einsparungen und Kündigungen dauerte mehrere Jahre, der eigentliche Zusammenbruch vollzog sich dagegen in einer Geschwindigkeit, die atemberaubend war. Die Fabriken, die über ein gutes Jahrhundert als institutionelle Säulen der Gesellschaft gedient hatten, verschwanden eine nach der anderen:» (Pos. 1531).

T-Shirt, 2009. Bild: Neatorama

Der Finanzwelt ging es aber gut, die Boni wurden völlig unverhältnismässig, es «war lächerlich, dass ein Hedgefondsmanager wie John Paulson, der nichts tat, als Papiere hin-und herzuschieben, in einem einzigen Jahr 3,8 Milliarden verdiente» (Pos. 6944) und an der Westküste, im Silicon Valley entstanden neue Hightechzhentren:  «Ab Mitte der Siebzigerjahre bis Anfang der Neunziger waren durch die Entwicklung des PCs im Valley und in verschiedenen anderen Hightechzentren unzählige kleine Computer-und Softwarefirmen entstanden. San Jose verdoppelte in zwei Jahrzehnten seine Einwohnerzahl und stand kurz davor, eine Millionenstadt zu werden. 1994 gab es im Valley 315 Aktiengesellschaften. Aber keine der Neugründungen war auch nur annähernd so wichtig wie Hewlett-Packard, Intel und Apple. Seit der Einführung des Macintosh-Computers hatte sich die Industrie fortwährend» (Pos. 2460). Allerdings wurden durch diese neuen Branchen nur sehr wenig Arbeitsplätze geschaffen: «Die Eliten Amerikas haben keine Lösungen für die Probleme der Arbeiter und der Mittelschicht. Die Eliten glaubten, dass jeder zum Programmierer oder Finanzfachmann umgeschult werden sollte, dass zwischen einem Stundenlohn von acht Dollar und einem sechsstelligen Jahreseinkommen keine Möglichkeiten waren.» (Pos. 4675)

«Dann gewann Obama die Wahl, und es änderte sich nichts. Nur die Banken machten wieder Geschäfte, die Konzerne und die Reichen verdienten mehr denn je, und der Rest des Landes musste dafür bluten.» (Pos. 7029)

 Finanzsektor

Packer schildert am Beispiel Florida eindrücklich, die Auswirkungen des Hypothekenmarktes im «Subprime-Sektor», der zu einer weltweiten grossen Finanzkrise führte, hatte.

«Ron und Jennifer nahmen einen Kredit von 110000 Dollar auf und bauten ein Haus mit drei Schlafzimmern. Nach einiger Zeit refinanzierten sie die Hypothek, um die laufenden Rechnungen zu bezahlen, dann beliehen sie das Haus, um ein neues Dach zu bezahlen, dann refinanzierten sie noch einmal, um ihre Autos abzuzahlen, eine Terrasse zu bauen, ein Boot zu kaufen. Was übrig blieb, verschleuderten sie auf Kreuzfahrten und –mit den Kindern –in Disney World.» (Pos. 3624).

Bild CC Wikimedia Commons

«Aus dem ganzen Land kamen Spekulanten, die Häuser kauften, um sie möglichst schnell wieder abzustoßen. Fünfzigtausend Dollar in sechs Monaten galt als realistischer Profit, es gab Sekretärinnen mit einem Jahresgehalt von fünfunddreißigtausend Dollar, die fünf oder zehn Häuser besaßen und mit Millionenkrediten jonglierten, und Autohändler, die ihr erstes richtiges Geld verdienten, als sich die Immobilienpreise innerhalb von zwei Jahren verdoppelten. 2005, auf dem Höhepunkt des Wahnsinns, wechselte am 29. Dezember in Fort Myers ein Haus für 399’600 Dollar den Besitzer, das einen Tag später, am 30. Dezember, für 589’900 Dollar weiterverkauft wurde. Es waren die Spekulanten, sogenannte »Flippers«, die die Preise in die Höhe trieben.» (Pos. 3654).

Ein hektisches Weiterverkaufen setzte ein, als sich abzeichnete, dass die Immobilienblase wohl platzen musste: «Die Hypotheken derart oft aufgeteilt, verbrieft und neu verpackt, die Banken hatten so viel Pfuscherei betrieben, um ihr Geld zu retten, dass keine Institution mehr nachweisen konnte, wem ein Haus eigentlich gehörte». (Pos. 5178)

Gian Trepp hat in jenen Jahren in der Wochenzeitung WoZ die Hintergründe der Finanzkrise gut beschrieben («Das Schlaraffenland ist gründlich abgebrannt», 7.8.2008,  «Die Droge Derivat», 27.11.2008).

Sehr viele Mittelstandsfamilien verloren ihre Häuser, als sie ihre Hypotheken nicht mehr bedienen konnten und landeten mittellos auf der Strasse, während die meisten Banken vom Staat gerettet wurde. Das Gefühl, dass der Staat sicher nicht mehr für die kleinen schaue, dass sich harte Arbeit nicht lohne, Machtlosigkeit und Resignation verbreiteten sich: «Recht bekamen in diesem Land nur die Reichen, zu denen sie nicht gehörte. Wenn sie pleiteging, profitierten Banken und Anwälte. Banken verdienten ihr Geld damit, die kleinen Leute herumzuschubsen. Erst versuchten sie es mit Einschüchterung, und wenn sie Gegenwehr spürten, zettelten sie einen Papierkrieg an.»  (Pos. 5345)

Infrastruktur

Anhand der vielen Eigenheime, die seit den 1950er-Jahren in gesichtslosen Siedlungen entstanden, zeigt Packer auch auf, wie der Ölhunger wuchs, weil für die kleinsten Verrichtungen ein Auto nötig war und wie zuerst die Städte degradiert wurden «1950 baute Edward DeBartolo eine der ersten offenen Einkaufszentren in Boardman, wuchernde Malls begannen schon bald, den Geschäften der Innenstädte die Grundlage zu entziehen. Weiße Arbeiter zogen in die Vorstädte und fanden Anstellungen in leichteren Industrien. Schwarze Arbeiter, die überwiegend in den Städten blieben, übernahmen ihre besser bezahlten Stellen» (Pos. 832)

Wal-Mart. Bild CC Wikimedia Commons

Diese Entwicklung wurde mit dem Aufstieg der Kette «Wal-Mart», in der alles zu billigen Preisen zu haben war, beschleunigt:  «In den Siebzigern verdoppelte die Firma alle zwei Jahre ihren Umsatz. 1973 gab es schon fünfundfünfzig Märkte in fünf Staaten. 1976 waren es 125 Märkte, der Umsatz betrug dreihundertvierzig Millionen Dollar. Wal-Mart breitete sich immer weiter aus, in einem Kreis, dessen Mitte Bentonville war. Die Firma schluckte ein vergessenes Städtchen nach dem anderen und verwüstete die traditionellen Geschäftsstraßen, bis die Region so von Wal-Mart dominiert war, dass kein anderes Geschäft mehr gedeihen konnte, kein Eisenwarenhändler und keine Apotheke.» (Pos. 1958) Nach dem Tod des Firmengründers Walton realisierte man: «Das ganze Land war eine Art Wal-Mart geworden. Es war billig. Die Preise waren niedrig, und die Löhne waren niedrig. Die Industrie beschäftigte nur noch wenige Arbeiter, die selten gewerkschaftlich organisiert waren. Teilzeitarbeit –etwa als Grusspersonal – nahm dagegen zu. Die Kleinstädte, in denen Sam Walton seine Chance gesehen und genutzt hatte, verarmten zusehends, weshalb die Kunden immer mehr auf die jeden Tag günstigen Preise von Wal-Mart angewiesen waren. Viele Menschen kauften ausnahmslos alles bei Wal-Mart, und nicht wenige mussten auch dort arbeiten. Das Heartland, Amerikas traditionelles Kernland, wurde immer weiter ausgehöhlt, was die Umsätze der Firma weiter steigerte. Und in den Teilen des Landes, die reicher geworden waren – vor allem an den Küsten und in einigen Großstädten – waren die Menschen über die gigantischen Gänge voller mieser, möglicherweise giftiger chinesischer Billigware ausgesprochen entsetzt. Sie bevorzugten es, ihre Schuhe und ihr Fleisch in kleinen, teuren Geschäften zu kaufen, als könnten die überteuerten Produkte sie gegen das Virus des Geizes impfen.» (Pos. 2012).

Die Auswirkungen auf die Zivilgesellschaft waren natürlich gross: «die Leute, die früher den Eisenwarenladen hatten, das Schuhgeschäft, das kleine Restaurant, das es hier mal gegeben hat – diese Leute haben den Ort zusammengehalten. Sie haben sich um alles gekümmert. Sie haben das Baseball-Training der Kinder organisiert, sie haben im Stadtrat gesessen, sie wurden respektiert. Das gibt es jetzt alles nicht mehr.« Im Rest des Landes, hieß es, boomte die Wirtschaft – die Wall Street und Silicon Valley hatten mehr Geld als je zuvor (…)» (Pos. 2741)

In vielen Bundesstaaten führte das «Senken der Staatsquote» zu einer drastischen Verschlechterung des öffentlichen Bildungssystems, wie Packer am Beispiel Kaliforniens aufzeigt:

Public Schools. Bild: UJS Dep of Education, Flickr

1977: «Nahezu alle Kinder der Region, selbst aus den wohlhabendsten Familien, besuchten die öffentlichen Schulen, die sehr gut waren – nirgends im Land waren die Schulen so gut wie in Kalifornien. Die begabtesten Schüler gingen zum Studium nach Berkeley, nach Davis oder an die UCLA (einige wenige schafften den Sprung nach Stanford oder an die Ivy League), die weniger begabten schrieben sich an den staatlichen Colleges in San Francisco oder Chico ein. Selbst Junkies und Kiffer bekamen noch eine Chance: Colleges wie Foothill oder De Anza boten zweijährige Berufsausbildungen an, die jedem offenstanden. All das änderte sich, als ein Jahr später die kalifornische Steuerrevolte begann: Proposition 13, ein Volksbegehren, beschränkte die Grundsteuer auf ein Prozent des Einheitswerts, Schulen und staatliche Universitäten begannen einen Abstieg, der bis zum heutigen Tag anhält.» (Pos. 2301)

Mehr und mehr Familien entschieden sich für Privatschulen, und es entstand etwas, das es in der amerikanischen Geschichte noch nicht gegeben hatte: die privatisierte öffentliche Bildung. Schulen in wohlhabenden Gegenden wie dem Silicon Valley kämpften sich an die Spitze, indem sie unter der Elternschaft massiv zu Spenden aufriefen. Die öffentliche Grundschule in Woodside (vierhundertsiebzig Schüler) wurde von einer Stiftung unterstützt, die 1983, fünf Jahre vor Proposition 13, gegründet worden war, um die bedrohte Stelle eines einzigen Sonderlehrers zu retten –  (…) Einige Meilen weiter, in der Stadt East Palo Alto, gab es keine Stiftungen, und den Schulen fehlte das Geld für Bücher und die nötigste Ausstattung. So wurde das kalifornische Schulsystem langsam und schmerzhaft abgewickelt, es fiel erstaunlich tief» (Pos. 7672f)

Medien

Auch die Medien veränderten sich völlig. «Zehn Sekunden im Fernsehen genügten, um einen Politiker für immer zu definieren, um ihn zu krönen oder zu zerstören.» (Pos. 1277), Packer beschreibt das z.B. an der Debatte zwischen Jimmy Carter und Ronald Reagan: «1980 legte Ronald Reagan den Kopf zur Seite, kicherte und sagte: »Da, Sie tun es schon wieder.« Womit Jimmy Carters Präsidentschaft auf eine Amtszeit zusammenschrumpfte. Vielen, die damals zugeschaut haben, war klar, dass dieses «And here you go again» das Ende von Carters Präsidentschaft bedeutete. In den Jahrzehnten danach verloren die drei grossen Ketten CBS, NBC und ABC gegenüber der Konkurrenz auf den Kabelkanälen wie CNN und Fox News deutlich an Reichweite.

Fox News wurde zum Sprachrohr der Konservativen, dem Sender gelang es, ihre Ansichten als die gottgefälligen darzustellen und so ein grosses Publikum zu beeinflussen. «Als Dean aufwuchs, sah die Familie die Nachrichten mit Walter Cronkite, seine Mutter hatte damals kaum eine dezidierte politische Meinung gehabt. Doch nun wurde sie immer konservativer. Ihre politischen Ansichten beruhten auf den «Prinzipien der Bibel», sie war gegen Abtreibung und Homosexualität, und seit Fox und die Republikaner jedes ihrer politischen Themen an Religion gekoppelt hatten, war es unmöglich geworden, sie von ihren Positionen abzubringen.» (Pos. 3319)

Daneben gelangen ultrarechte Talkshow-Moderatoren wie Glenn Beck (und auch linke Blogger) zu Einfluss, die auf der weitverbreiteten Aversion gegen «Washington» aufbauen konnten. Beck rief einer riesigen Menschenmenge zu «dass wahre Veränderung nicht von Washington ausgehe, sondern von echten Menschen, die im ganzen Land an echten Orten lebten (…) aber auch die progressive Arianna Huffington schrieb zwei Tage später in ihrer Kolumne etwas Ähnliches» (Pos. 5677)

Dem unterdessen verstorbene und durch Trumps Berater Bannon  bekannt gewordene Andrew Breitbart hat in Packers Buch ebenfalls ein eigenes Kapitel gewidmet. Packer zeigt auf, wie Breitbart das Internet zu nutzen vermochte «In Breitbarts Hirn vollzog sich die Verschmelzung des Internets mit der konservativen Bewegung.» (Pos. 5794) Dies passierte gleichzeitig mit dem Umbau der alten Medien, die rentieren mussten und so mehr und mehr auf Infotainment setzten, denn  «der Meinungsjournalismus war billiger als echte Berichterstattung und hielt die Zuschauer bei der Stange.» Geschichten wurden erfunden, die neuen Kanäle wie Breitbart-News begannen die alteingesessenen Sender zu verhöhnen, «bis niemand mehr wusste, wer eigentlich recht hatte und wo die Wahrheit lag, bis das Vertrauen in die Presse verspielt und das Selbstverständnis eines ganzen Berufs zerstört war (…) Das Wunderbare an den neuen Medien war, dass es jeder machen konnte» Breitbart verkündete  an Dinnerpartys der alten Medien «Ihr versteht’s einfach nicht. Die Bürger entscheiden jetzt selbst, wer ihre Geschichte erzählt. Und sie geben die Kontrolle nicht mehr her, weil sie wissen, dass ihr alles kaputt machen würdet.» (Pos. 5822)

Nicht genehme Organisationen und Minister wurden mit irreführend zusammengeschnipselten Videos fertig gemacht. «Die Regeln der alten Medien, ihr Beharren auf Wahrheit und Objektivität, galten nicht mehr. Was zählte, war der größtmögliche Effekt, es ging darum, die Geschichte selbst an sich zu reißen.» (Pos. 5851)

Der Deutschlandfunk schliesst seine Rezension folgendermassen: «Und auch wenn über der polyphonen Struktur und dem Detailreichtum zuweilen das große Ganze etwas aus dem Blick gerät, macht das Buch Entscheidendes deutlich: ein eklatanter Einkommensunterschied ist eine der größten moralisch-gesellschaftlichen Gefahren unserer Zeit und beruht auf einem Mangel an staatlicher Einflussnahme. Denn sind soziale Netzwerke einmal weggefallen, lassen sie sich nicht wiederherstellen. So wird Packers Buch auch als Warnung lesbar, (…). Es erinnert daran, dass Gesundheit und eine gute Lebensqualität jedes Einzelnen die Voraussetzung für das Funktionieren einer demokratischen Gesellschaft sind. »

Der Spiegel schreibt: «“Die Abwicklung“ ist auch eine Generationengeschichte. George Packer ist 53 Jahre alt; als er auf die Welt kam, galt jener Gesellschaftsvertrag noch, mit dem US-Präsident Franklin D. Roosevelt in den Dreißigerjahren die USA befriedet und die Depression beendet hatte. Es war die Idee, dass ein Staat die Aufgabe hat, sich um die Schwachen zu kümmern. Dass der amerikanische Traum des individuellen Aufstiegs kein Selbstläufer ist, sondern dass der Staat den Kapitalismus kontrollieren muss. Die Abwicklung dieser Idee ist die Geschichte von Packers Leben.

Und die deprimierende Einsicht hinter „Die Abwicklung“: Vielleicht ist die Zeit der Mittelschichtsgesellschaft einfach abgelaufen, beiseitegedrängt von einem neuen Gilded Age, wie die Amerikaner ihre Gründerzeit nennen – Ende des 19. Jahrhunderts beherrschten noch die Eisenbahnmagnaten und Stahlbarone das Land. Nun sind es Finanzkapitalisten und Internetkreative, die die Macht übernommen haben und die letzten Überreste des alten Industriekapitalismus abräumen.»

 

Mir ist auch die Präambel der schweizerischen Bundesverfassung in den Sinn gekommen, in der auch steht: «gewiss, dass frei nur ist, wer seine Freiheit gebraucht, und dass die Stärke des Volkes sich misst am Wohl der Schwachen,»

Im Gespräche mit Stephan Klapproth meint Packer, dass er trotz all dieser Recherchen nicht damit gerechnet habe, dass Trump die Wahl gewinne. Überrascht ist er aber nicht – Trump weiss, was diejenigen, die nicht zum Establishment gehören, hören wollen. Er selbst wurde auch nie wirklich darin aufgenommen, er hat seinen Queens-Akzent behalten, fühlte sich vom Establishment belächelt und hat – wie der untere Mittelstand auch – einen Hass gegen «die Elite» entwickelt.

Er sieht aber auch Lichtblicke: es gibt viele «Grass-Roots-Bewegungen», die Leute sind aufgewacht, gingen zu den Flughäfen, als Trump den «Muslim-Ban» erliess, die Qualitätspresse berichtet wieder wie in besseren Zeiten, anstatt Infotainment zu machen. Die Institutionen allerdings «are not the same as 1972/1974, they are much more partisan». Das Land wird gespalten bleiben, die Ungleichheit wird weiterhin wachsen.

1 Alle Positionsangaben aus dem E-Book der deutschen Ausgabe:
Packer, George. 2014. Die Abwicklung. Eine innere Geschichte des neuen Amerika. Aus dem Amerikanischen von Gregor Hens. Frankfurt/M.: Fischer:

Churchill und Europa

Die Applied History Lectures stehen im Sommersemester 2017 (PDF) unter dem Titel «War’s das? – der Westen und die Demokratie».

Felix Klos (Linkedin), Jahrgang 1992, Organizer in den 2016 gescheiterten Kampagnen für Bernie Sanders und dann für «Hillary for America» plaudert mit Stephan Klapproth über seine Erlebnisse während der Kampagne, in einem Trailerpark in Iowa etwa, in dem es zu hysterischen Anfälle gekommen sei, als er mit seinem Hillary-Button an Türen geklopft habe. Das Gespräch dreht sich um das «Age of Anger», in vielen Ländern (sie sprechen über Holland, die USA und Grossbritannien) ist ein «Backlash» gegen die Globalisierung und die EU in vollem Gange.

Die Veranstaltung findet genau ein Stockwerk unter der Aula der Universität Zürich statt, wo 1946 Churchill seine berühmte Rede «Let Europe Arise» gehalten hat. Klos hat noch vor dem Referendum über den Brexit ein Buch «Churchill on Europe» geschrieben1. Er widerspricht dezidiert den Behauptungen, Churchill habe Grossbritannien nicht in einer Europäischen Union gewünscht und belegt das mit vielen Quellen. Mit Denkern wie Graf Coudenhove-Kalergi und Politikern aus verschiedensten politischen Lagern in Grossbritannien, vielen kontinentaleuropäischen Ländern und den USA begann Churchill, Institutionen und den politischen Willen aufzubauen, die schliesslich zur Europäischen Union führen würden. Klos schreibt über sein Buch:

«(It) relies on never-before-published material to tell the true story of Churchill’s driving role in the postwar making of a united Europe. I believe it shows, and this is key to Britain’s identity, that after the war Churchill evisaged Britain leading an ever-closer union of European states. Not following, not on the edges, but leading. (Pos. 60).

Zeitungsartikel, die anlässlich des Jubiläums der Churchill-Rede in Zürich und im Zusammenhang mit dem Brexit-Referendum erschienen sind, sehen das etwas anders (vgl. Tages-Anzeiger, 15.9.2016 und 27.5.2016), am Kolloquium zum 70-Jahr-Jubiläum an der Uni Zürich wurde die Frage kontrovers diskutiert (Switch-Cast, 2 Stunden, Blog von Richard Langworth).

Es lohnen sich also ein Blick auf die Zürcher Rede und die von Klos benützten zusätzlichen Quellen.

CVCE an der Uni Luxemburg, «die digitale Forschungsinfrastruktur zur europäischen Integration» hat die verschiedenen Ressourcen zur Zürcher Rede, den Text und ein Tondokument zusammengestellt.

Das CVCE fasst die Rede folgendermassen zusammen:

«Indem er die deutsch-französische Aussöhnung fordert und „eine Art Vereinigte Staaten von Europa“ ohne die Beteiligung Großbritanniens vorschlägt, zeichnet Churchill das Bild von einer künftigen, nicht kommunistischen Föderation Westeuropas. Damit spricht er sich für einen europäischen dritten Weg zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion aus. Gleichzeitig befürwortet er die Gründung des Europarates.»

Die «akademische Jugend», zu der Churchill in Zürich sprach, befand sich eher nicht in der Aula, wie Boscovits hier im Nebelspalter illustriert2,sie hörte aber via Lautsprecher vor der Universität zu.

Bild: Julius Aichinger / Universitätsarchiv Zürich via NZZ

Die letzten Sätze der Rede Churchills in Zürich lauten

«In this urgent work France and Germany must take the lead together. Great Britain, the British Commonwealth of Nations, mighty America — and, I trust, Soviet Russia, for then indeed all would be well — must be the friends and sponsors of the new Europe and must champion its right to live. Therefore I say to you “Let Europe arise!”»

Klos These, Churchill habe die Mitgliedschaft, ja sogar den «Lead» Grossbritanniens in einem vereingten Europa gewollt, stützt sich stark auf die Diplomatischen Dokumente der Schweiz3. Die Rede in Zürich bildete den Abschluss von dreiwöchigen «Ferien» Churchills in der Schweiz (Werner Vogt erläutert den ganzen Hintergrund in der NZZ vom 10.9.2016, hervorragend illustriert). In dieser Zeit wurde Churchill von zwei vom Bundesrat beauftragten Emissären, Protokollchef Jacques Albert Cuttat und Sicherheitschef Oberstleutnant Hans Wilhelm Bracher begleitet. Mit beiden hatte Churchill ein gutes Einvernehmen und beide berichteten Bundesrat Petitpierre, dem Vorsteher des Eidgenössischen Politischen Departements über den Aufenthalt Churchills. Ihre Berichte sind heute bei DODIS einsehbar.

Bracher und Cuttat hatten in der Nacht vor der Rede Gelegenheit, die damals schon fertig gestellten Teile von Churchills Rede zu hören.

http://db.dodis.ch/document/2184

Cuttat fragt ihn bei dieser Gelegenheit explizit nach der Rolle, die Grossbritannien in diesem Europa spielen würde.

http://db.dodis.ch/document/1659

Klos stützt seine These im weiteren Verlauf des Buches mit den Aktivitäten Churchills, die Churchill danach vor allem auch in Grossbritannien entfaltete, um der europäischen Idee zum Durchbruch zu verhelfen.

Die Kritik am Buch von Klos, wie sie z.B. Andrew Roberts vom Churchill Project am Hillsdale College äussert, geht dahin, dass Klos die zweite Amtszeit Churchills als Premierminister(1951 – 1955) – in der er viel weniger europafreundlich handelte – praktisch ignoriert, dass Klos Churchills Ansichten in der zweiten Hälfte der 1940er Jahre zwar sehr genau recherchiert hat, aber daraus unzulässige Schlüsse zieht.

Für mich war die Lektüre inspirierend, sie hat mir auch gezeigt, welcher Fundus mit den digital aufbereiteten Diplomatischen Dokumenten der Schweiz zur Verfügung steht und wie wertvoll sie zur Kontextualisierung von anderen Dokumenten, wie hier Churchills Zürcher Rede, sein können.

 

1 Klos, Felix. 2016. Churchill on Europe. The Untold Story of Churchill’s European Project. London: Tauris. E-Book.

2 Nebelspalter (Zs.) 72. Jg. (1946), Heft 42, S.4

3 Dodis.ch. Diplomatische Dokumente der Schweiz http://dodis.ch/de

Reise ins China des frühen 20. Jahrhunderts

Der Crossasia-Blog (Bildquelle) macht in einem Beitrag vom 14. Juli 2016 darauf aufmerksam, dass die Staatsbibliothek zu Berlin den Nachlass des deutschen Konsuls Fritz Weiss (Wikipedia) und seiner Ehefrau Hedwig Weiss-Sonnenberg (Wikipedia) übernommen hat. Hedwig und Fritz Weiss waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts konsularisch an verschiedenen Orten in China tätig. Hedwig Weiss-Sonnenberg  hat ihre Beobachtungen immer wieder als Reiseberichte publiziert und später auch in Kinderbüchern verwertet.

Die Online-Ausstellung von Crossasia mit Fotografien, Texten, Karten und Tondokumenten aus dem Nachlass gibt einen sehr guten Einblick in ihre Zeit in China.

Online abrufbar sind andernorts auch einige der Texte von Hedwig Weiss-Sonnenberg. Sie ermöglichen einen weiteren Einblick in den Südwesten Chinas zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus der Perspektive dieser weltoffenen, interessierten, abenteuerlustigen Frau, die natürlich auch von der Weltanschauung ihrer Zeit geprägt war.

Das Ehepaar Weiss blieb nicht in den Städten, in denen Fritz Weiss als Konsul tätig war, sondern erkundete (immer in Begleitung von Trägern und Wächtern) die Gegend um Chengtu (Chengdu) und später Yunnanfu (Kunming). Eine der ersten gemeinsamen Reisen führte von Chengdu nach Kiating. Hedwig Weiss-Sonnenburg berichtet darüber in «Nord und Süd». Sie schildert Landschaft, Leute und die eigenen Erlebnisse (PDF des Artikels)1

In tiefer Nacht pochten wir an das schon geschlossene eiserne Tor der Stadt. Drinnen liess sich eine Stimme vernehmen, die uns versicherte, nicht mehr aufzumachen. Und erst nach langem Hin- und Herreden, nachdem wir versichert hatten, wir wären keine Räuber, öffnete man. Wir gingen zur französischen Mission und Père Gire nahm die sehr müden Wanderer freundlich auf. (334)
So waren wir recht froh, als wir einem Trupp Frauen begegneten, die uns sagten, wir wären gleich oben. Die kleinen Frauen hatten in dem Tempel geopfert, der auf dem Shou Kung Shan liegt; es ist mir unerklärlich, wie sie mit den unglücklichen Füssen da hinauf gelangt waren. (344)

In der Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde veröffentlichte «Frau Konsul Fritz Weiss» dann 1915 einen Beitrag über eine gewagte Expedition ins «Lololand»,  d.h. ins Gebiet der Yi (Wikipedia), die sie mit ihrem Mann unternahm. (PDF des Artikels)2 Die chinesischen Behörden hatten wenig Autorität über das Gebiet der Yi, so dass die Reise nur mit einem «Bürgen» der betreffenden Ethnie, in diesem Fall einem Adeligen möglich und trotzdem risikoreich war.

«Es ist überhaupt vor uns nur zwei fremden Expeditionen vor drei Jahren gelungen, bei ihnen einzudringen. Die erste war von d'Ollone geleitet, einem französischen Offizier, dem es hauptsächlich durch die Hilfe der katholischen Mission gelang, einzudringen, und das Land in gerader Richtung bis an den Yangtse zu durchqueren. Der zweite, ein Engländer Namens Brooke, wurde bei einer ähnlichen Durchquerung von den Lolos erschlagen.» (Ebd., 74).

Hedwig und Fritz Weiss brachten Fotografien und Tonaufnahmen von ihrer Reise mit. Hedwig Weiss-Sonnenburg schildert  die Yi  mit Sympathie, wenn auch mit dem Abstand der Höhergestellten.

Mapie, unser Bürge, verabschiedet sich hier nach wohlverdienter
Belohnung samt seinen Hörigen mit tiefem Kniefall vor uns und stürmt dann mit ihnen unter lautem vergnügtem Rufen davon.Im Laufschritt sehen wir sie den Weg zurücknehmend, den wir eben gekommen sind und hinter einem Hügel verschwinden. Ein freies, glückliches Volk. (Ebd., 90).
Bildquelle: http://themen.crossasia.org/weiss/start/reisen/
Bildquelle: Crossasia

Die letzte Reise in China war keine freiwillige mehr. China hatte Deutschland am 14. August 1917 den Krieg erklärt, was natürlich zu einem Abbruch der diplomatischen Beziehungen führte. Das Konsulat in Kunming musste aufgegeben werden und Hedwig und Fritz Weiss mussten mit ihren zwei Kleinkindern das Land verlassen, was eine 3000 Kilometer lange Landreise von Kunming über das Yunnan-Plateau nach Szechuan und schliesslich Shanghai nötig machte. Hedwig Weiss-Sonnenburg schildert sie unter dem Titel «Dreitausend Kilometer quer durch China – Erinnerungen einer Deutschen aus dem Jahre 1917» (PDF des Artikels3 ebenfalls in «Nord und Süd». Hier begegnen wir auch den Revolutionswirren in der Zeit nach dem Sturz der Qing-Dynastie 1912:

Den ganzen Tag über begegneten uns die zwei von Trägern getragenen leichten Bergsänften mit kranken Soldaten, die vom Lazarett in Suifu nach ihrer Heimat befördert wurden. Sie gehörten zu den Yünnan-Truppen, die vor wenigen Monaten mal wieder für das Fortbestehen der Republik China gegen die anders denkenden Szetchuan-Truppen gekämpft hatten (...) bleich und teilnahmslos hingen die armen Kerle in ihren Sänften, unter sich das unbeschreiblich verschmutzte Bettzeug (...). Das Furchtbarste aber war der Geruch, der diesen vorübergehenden Sänften entströmte (...) Den kranken Soldaten folgten an die dreihundert in rotes Tuch geschlagene Särge gefallener "Helden", die ebenfalls in ihre Heimat abgeschoben wurden. Diese wurden von vier Kulis getragen, die Särge der höheren Offiziere aber von acht Leuten. Obendrauf sass dann immer noch ein lebender Hahn, und unter laut gesungenem He-Ha versperrten die Träger den schon so schmalen Weg. Immer wieder erschien so ein roter Sarg um eine Felsnase vor uns. (182)

Nach 28 Tagen in Sänften, auf dem Pferd und zu Fuss kann Familie Weiss aber Henchiang dann ihre Reise auf dem Wasser fortsetzen und erreicht schliesslich Shanghai. Der erste Weltkrieg scheint weit weg, auch wenn er der Grund für die Rückreise ist. Der amerikanische Missionsarzt verarztet die Familie freundlich.

Dieser sowie die dort anwesenden anderen amerikanischen Missionare waren von ausnehmender Freundlichkeit gegen uns, ohne jeden Hass auf Deutschland und die Deutschen, es berührte uns in dieser Zeit wirklich angenehm. (183)

Und vom chinesischen Personal nimmt man nur ungern Abschied:

Rührend war es, wie sie alle voller Liebe für unsere Kinder sorgten. Besonders das Baby war der Sonnenschein und Liebling der ganzen Karawanne. Immer fröhlich strahlte sie den ernstesten Chinesen an, fürchtete sie sich doch später in Shanghai vor jedem Europäer. (179)

Sowohl Fritz Weiss wie Hedwig Weiss-Sonnenburg haben weitere Berichte geschrieben. Die Internet-Ausstellung gibt einen sehr guten Überblick über ihre Zeit in China. Eine weitere Auswertung des Nachlasses, wie er von ihrer verstorbenen Enkelin Tamara Wyss begonnen wurde,  könnte trotzdem in verschiedener Hinsicht interessant sein.

1Weiss-Sonnenberg, Hedwig. 1914. In: Nord und Süd – Eine deutsche Monatsschrift. 38. Jg. Bd. 149, H. 477. Juni 1914, 331-344. https://archive.org/details/NordUndSued1914Bd149 (25.7.2016)
2Weiss-Sonnenberg, Hedwig. 1915. Von O Pien Ting nach Ma Pien Ting durchs Lololand. In: Zeitschrift der Gesellschaft für Erdkunde, Heft 2, 73-91. http://www.digizeitschriften.de/dms/toc/?PID=PPN391365657_1915 (25.7.2016)
3Weiss-Sonnenberg, Hedwig. 1919. Dreitausend Kilometer quer durch China. Erinnerungen einer Deutschen aus dem Jahre 1917. In: Nord und Süd – Eine deutsche Monatsschrift. 44. Jg. Bd. 171, H. 477. Okt.-Dez. 1919, 173-184. https://archive.org/details/NordUndSued1914Bd149 (25.7.2016)

Rassismus an der Weltausstellung 1915

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Bild: Chinatown-Museum, San Francisco

1915 fand in San Francisco die Weltausstellung «World’s Fair», die «Panama Pacific International Exposition statt». Mit ihr sollte einerseits die Eröffnung des Panama-Kanals gefeiert, andererseits der Welt gezeigt werden, wie San Francisco nach dem grossen Feuer von 1906 wieder aufgebaut worden war. Die Library of Congress hat einen schönen Werbefilm  «Mabel and Fatty viewing the World’s Fair at San Francisco, Cal.» archiviert, in dem (bei 15:08) auch eine „eiserne Jungfrau“ vorkommt. In der Schweiz ist ein solches Folterinstrument ja auf der Kyburg ausgestellt und sehr bekannt.

Eine Ausstellung im Chinatown-Museum in San Francisco zeigt den alltäglichen Rassismus jener Zeit. Der Fortschrittsglaube und Optimismus des 19. Jahrhundert hatte auch zur Überzeugung geführt, dass die «weisse Rasse» überlegen sei.

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Bilder Chinatown-Museum, San Francisco

SF-Fair_kIm Vergnügungsviertel wurde z.B. «Underground Chinatown» mitsamt einer Opiumhölle mit von chinesischen Drogenhändlern versklavten weissen Frauen gezeigt, Wachsfiguren und Schauspieler sollten bei den Besuchern eine Mischung aus Schauer und erotischer Neugier hervorrufen. Die 1912 ausgerufene Republik China beteiligte sich an der Weltausstellung und hoffte, so Sympathien für den neuen Staat zu gewinnen. Der von ihrer Kommission eingelegte Protest half allerdings nicht, man wollte die beliebte Attraktion nicht verlieren:

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Chinatown-Museum San Francisco

 

Ota Benga und die Negerdörfli

Ota Benga at Bronx Zoo
Ota Benga im Zoo der Bronx (Bild PD, nbo-press )

Dieser Tage hat sich offenbar der Todestag von Ota Benga zum 100. Mal gejährt. Der Kongolese Ota Benga wurde in den USA an einer Messe in St. Louis und im Bronx-Zoo wie ein Tier ausgestellt (siehe Scoop.it). Er musste nach der Darwinschen Theorie als als „Missing Link“ zwischen Tier und Mensch herhalten. Wenig später nahm er sich das Leben. Ann Hornaday, eine Verwandte des damaligen Zoodirektors erzählte seine Geschichte 2009 in der Washington Post.

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Blechpostkarte, die heute noch bei ex libris unter der Rubrik „Originelles“ verkauft wird.

Aussergewöhnlich waren solche Zurschaustellungen von „Negern“ nicht. Rea Brändle hat in ihrem Buch „Wildfremd.hautnah“ Zürcher Völkerschauen und ihre Schauplätze 1835-1964 aufgearbeitet und berichtet darin z.B. auch vom Negerdörfli 1925 auf dem Letzigrund. Tages-Anzeiger und NZZ haben sich beim Erscheinen des Buches der Thematik angenommen .

Strafverfolgung wegen Dissertation?

Vlasov
General Vlasov (aus Andreyev 1987)

University World Press berichtet unter dem Titel «Calls for prosecution over PhD thesis on Soviet traitor» heute darüber, wie in Russland historische Forschung erneut gefährlich werden könnte. Offenbar wurde der Ruf laut, eine Strafuntersuchung gegen einen Historiker einzuleiten, der seine St. Petersburger Doktorarbeit über den sowjetischen General Andrei Vlasov (Wlassow), der zu den Nazis überlief, schrieb.

Vlasov stellte auf deutscher Seite mit sowjetischen Kriegsgefangenen eine Truppe auf, die sich „Russische Befreiungsarmee“ nannte. Sie wechselte in den letzten Kriegstagen erneut die Seite und schloss sich dem Prager Aufstand an. Die Betreiber einer Website, die auch Führungen zu Prag während des zweiten Weltkrieges anbieten, berichten davon.

Literatur: Andreyev, Catherine. 1987. Vlasov and the Russian Liberation Movement: Soviet Reality and Emigré Theories. Cambridge: Cambridge University Press.