In Search of the Pacific: Revisiting the Other One-Third of the Globe (1)

Bilder: Matsuda referiert unter den Bildern von Epeli Hau‘Ofa (1939 – 2009) und Teresia Teaiwa (1968-2017), Monographie Matsudas,  Alliance of Small Island States (ebenfalls von Matsuda gezeigt)

Die Applied History Lecture an der Uni Zürich «The Pacific and the Modern World” wurde im Dezember 2017 von Matt Matsuda (Rutgers University) eröffnet. Er gab einen reich bebilderten, beeindruckenden Überblick über die Geschichte des anderen Drittels der Welt, die Geschichte des Pazifiks. Und er gab mir Anlass, mich an meine Geschichte mit dem Pazifik zu erinnern.

Meine Geschichte und der Pazifik

Wenn ich an den Pazifik denke, so denke ich an den 6.6.66. Das Datum ist mir in Erinnerung, weil unsere Familie damals Erdbeerenkonfitüre einmachte, und ich als 11jähriger die Etiketten beschriftete. Konfitüre machen war eine schöne gemeinsame Arbeit und es war eine Herausforderung, die Konfitüre zu probieren, ohne sich die Zunge zu verbrennen. Am Vorabend hatte ich damit begonnen, Thor Heyerdahls «Kon Tiki» zu lesen. Das Buch fesselte mich sofort – und während ein Pfanne voller Konfitüre kochte und es weiter nichts zu tun gab, legte ich mich jeweils rasch aufs Bett und las weiter. Die Beschreibung von Heyerdahls Forschungsreise, mit der er zeigen wollte, dass die pazifischen Inseln von Südamerika her besiedelt worden waren, die Abenteuer auf dem selbstgebauten Floss, die Schwarzweissfotos faszinierten mich so, dass ich mich auch mehr als 50 Jahre später noch daran erinnere.

1974 sah ich «den Pazifik» dann von San Francisco aus das erste Mal. Robben, Brandung, Weite.

Beim Stichwort Pazifik denke ich auch an 1980, als ich mit einem Jumbo Jet voller japanischer Hochzeitspaare von Osaka nach Guam flog und dann als Passagier der stolzen Air Nauru weiter über Nauru nach Tarawa in Kiribati. Später besuchte ich die Fidji-Inseln und Apia und Pago Pago auf Samoa. Ich erinnere mich an das – heute versinkende – Tarawa-Atoll, die Bootsfahrten und Wanderungen, die Gespräche über Banaba. Ich denke an ein Holzpferdchen aus Japan, das ich einer alten Einwohnerin schenkte, weil ich nichts anderes dabei hatte – ich ärgerte mich lange über meine mangelnde Sensibilität; der von Japan begonnene pazifische Krieg hatte ja enormes Leid über ihre Generation gebracht. Sie hat das Pferdchen aber ohne weitere Regung entgegengenommen.

Te Whare Rūnanga (Meeting House), Bay of Islands. Bild: Waitingi Treaty Grounds

Viele Jahre später, 2004 besuchten wir mit unserer Familie die Bay of Island in Aotearoa Neuseeland, wo der Vertrag von Waitingi abgeschlossen wurde und die wir 2004 mit unserer Familie besuchten. Der Pazifik war mir sofort wieder nahe.

Ich habe das Wasser des Pazifiks nicht im Blut, aber bei der Lektüre von Matt Matsudas Buch hörte ich seine Wellen wieder rauschen.

We sweat and cry salt water, so we know that the Ocean is really in our blood – Teresia Teaiwa

«Pacific Worlds – A History of Seas, People and Cultures»

Ich orientiere mich im Folgenden an Matt Matsudas Ausführungen während der Vorlesung und vor allem an seiner eindrucksvollen Monographie  «Pacific Worlds – A History of Seas, People and Cultures» (Cambridge University Press, 2012), Positionsangaben aus dem Kindle-e-Book.

Der Pazifik lässt sich nicht als enorme Weite beschreiben, eher als «Assemblage» von Elementen: Siedlungen, Unterbrechungen, Verbindungen, Navigation, Migration. Epeli Hau’ofa hat den Ausdruck  «Sea of Islands» geprägt.

Die drei Regionen, Melanesien, Mikronesien und Polynesien und das maritime Südostasien wurden als Kulturräume von Europäern definiert, was zu Stereotypisierungen führt und das Translokale, Verflochtene, Verbindende zu wenig zur Geltung bringt.

Maritimes Südostasien, Mikronesien, Melanesien, Polynesien (S. 4)
1) Zivilisation ohne Zentrum

Während des glazialen Maximums im Pleistozän, als das Polareis viel mehr Fläche einnahm, war die Meereshöhe entsprechend niedriger, der Planet verfügte über mehr Landfläche. Wo heute Inseln sind, gab es Landbrücken, die die damaligen Migrationsströme in die pazifische Region begünstigten.

Immer wieder werden Reste von Siedlungen entdeckt, die heute weit unter dem Meeresspiegel liegen.

Der – heute von Menschen verursachte – klimatische Wandel drängt die Menschen weiter zu Migration.

2006 mussten die Einwohner der Tegua-Inseln auf Vanuatu umgesiedelt werden, heute wird das Tarawa-Atoll nur noch durch ständige Sandaufschüttungen vor dem Untergang bewahrt.

Innerhalb der Lebenszeit der heute lebenden Generationen könnte die Heimat der Bewohner von Vanuata, der Marshall-Inseln, Tuvalu, Kiribati und der Küstengebiete Papua Neuguineas im Meer versinken. (S. 13)

Sandsäcke zwischen Bairiki und Betio, Tarawa-Atoll. Bild aus einer eindrücklichen Fotoserie Vpm „Die Zeit“: Kiribati: Ein Südsee-Paradies versinkt (© 2013)

Grosse Migrationsbewegungen fanden um 4000 v.Chr. statt, als die Vorfahren der Chinesen entlang dem Gelben Fluss expandierten und einzelne Gruppen auf der koreanischen Halbinsel und auf der japanischen Hauptinsel Honshu zu siedeln begannen. Um 3000 v. Chr. fanden migrierten Sammler, Fallensteller und Bauern mit Flossen aus dem heutigen China und Taiwan Richtung südostasiatische Inseln und bis auf die Korallenatolle Ozeaniens statt. Bewohnerinnen und Bewohner von den Osterinseln bis nach Madagaskar haben auf Grund solcher Migrationen gemeinsame «austronesische» Vorfahren. In dieser durch Wasser verbundenen Welt ist das Boot zentral, bis heute sind in vielen Sprachen die Begriffe für «Boot», «Sarg» und «kleinste politische Einheit» identisch.

Kultureller Lapita-Komplex, (S.19)

In der heutigen Region der melanesischen Inseln bildete sich durch wechselseitige Heiraten  ein  «kultureller Komplex» aus, der nach dem Keramikstil «Lapita» genannt wurde- Auf Grund von Funden von Lapita-Keramik kann man davon ausgehen, dass ein reger Austausch zwischen den Inseln herrschte.

Lapita-Töpferei (Te Ara – The Encyclopedia of New Zealand)
2) Handelsringe und Imperien in den Fluten

Auf der Suche nach Nahrung und Unterschlupf reisten die Clans regelmässig von Insel zu Insel, sie sammelten Vogel- und Schildkröteneier, schnitten Pandanus-Blätter, fingen in Korallenriffen Fische und sammelten Kokosnüsse.  Es entstanden Handelsringe, in denen man Kokosnüsse und Gewobenes tauschte und sich gegenseitig dabei unterstützte, Stürme und Dürren zu überleben.

Nan Madol (Bild Wikipedia)

Handelsringe dienten aber auch politischen und spirituellen Zwecken, Häuptlingen wurde Tribut bezahlt. Auf Yap entstand ein zeremonielles Zentrum der Mächtigen, mit Steinterassen, Plattformen mit Wohnungen, Obstgärten und Feldern für Taro-Anbau. Entlang der Küste von Pohnpei breitete sich das spirituelle und megalithische Zentrum Nan Madol aus. Von hier aus herrschten laut Legende 1000 Adlige der Saudeleur-Dynastie. (S. 24)

Auch Tongatapu, das oft mit Stonehenge verglichen wird, zeugt von alten Zivilisationen.

Die Tonga-Inseln waren ebenfalls Zentrum eines «Imperiums» oder zumindest eines starken Handels- und Tributnetzwerks. Staatsoberhaupt war der Tu’i Tonga, der einem grossen königlichen Hof vorstand. Die Gesellschaft war stark stratifiziert, es gab zeremonielle Begleiter, Kriegsgefangene, Familienangehörige von niedrigem Rang und spezialisierte Handwerker wie Fischer, Schnitzer und Seefahrer. (S. 26) Der Handel, v.a. mit Fidji und Samoa war intensiv. Wie andere ozeanische Netzwerke war der Handel mit politischen Allianzen und Verwandtschaftsbeziehungen verknüpft. Mitglieder der Herrscherfamilien heirateten untereinander, was zu Abhängigkeiten und z.B. auch zum Aufstieg legendärer Herrscherinnen führt. Die bekannteste ist wohl Salamasina, die im späten 15. Jahrhundert alle samoanischen Inseln unter ihrer Herrschaft vereinte und wegen des 40 Jahre währenden Friedens verehrt wird (s. 28).

In Südostasien unterwarf China Korea und Vietnam, die Seidenstrasse florierte. Hinduismus und Buddhismus reisten mit Händlern und Mönchen, die arabische Halbinsel, Indien und Südostasien waren aber auch über das Wasser verbunden.

Der Handel aus den Gewürzinsel war weitgehend von indischen Händlern kontrolliert und auch die malaiischen Königtümer waren weit stärker von Indien als von China beeinflusst.

Mit dem Srivijaya-Imperium, deren dynamisches buddhistisches Zentrum bei Palembang auf Sumatra lag, flossen Buddhismus und Politik zusammen, die Strasse von Malakka, zentral für die Handelsrouten wurde von hier aus kontrolliert, mit dem Handel ging auch ein Wissenstransfer einher.

Borobudur (Bild Gunawan Kartapranata, CC BY-SA 3.0)

Der Borobudur auf Java ist bis heute eindückliches Monument die Srivijaya-Kultur.

Den Mongolen unter Kublai Khan gelang die Invasion Javas nicht (wie sie auch nicht in Japan Fuss fassen konnten), auf Java wurde die Majapahit-Dynastie gegründet. Indonesien führt seinen Staat und seine territorialen Ansprüche bis heute auf das Majapahit-Imperium zurück.

Als Kultur einer Elite verbreitete sich der Islam entlang der Handelsrouten.

 

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