Long Hua Tempel und Märtyrerpark

Die Nanjing Road, an der ich wohne und der „Bund“, die Promenade am Huangpu-Fluss und ihre Umgebung bilden nach wie vor das Zentrum Shanghais. Auf der anderen Seite des Flusses befindet sich die Sonderwirtschaftszone Pudong mit ihrer charakteristischen Silhouette mit dem Perlenturm.
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Das Wort „Bund“ kommt offenbar aus dem angloindischen. Ich streife etwas durch die Gegend. An der Nanjing-Road und der Promenade stehen sie noch, die alten Kolonialbauten aus der Zeit des International Settlement. Ansonsten wurde Altstadt weitgehend dem Erdboden gleichgemacht. Man hat spät versucht, ein Quartier („Rockbund“ genannt, weil die Firma Rockefeller den Auftrag zur Sanierung bekommen hat) zu retten. Aber auch Stararchitekten wie David Chipperfield können ein Quartier, aus dem die Bewohner ausgesiedelt wurden, nicht zu neuem Leben erwecken. Christies und Prada, Zara und ein Kunstmuseum sind ein schlechter Ersatz für Wohnungen, Werkstätten und Essbuden. Alles wirkt leer.
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Leer wirkt auf mich auch Pudong, obwohl dort alle Einkaufszentren geöffnet sind und viele, viele Chinesinnen und Chinesen im kalten Kunstlicht der überall gleichen Modeläden am Shoppen oder doch mindestens Anprobieren von Kleidern sind. (Gestern habe ich gelesen, wenn jemand aus Shanghai 1000 Dinge besitze, so seien 800 davon Kleider).

Der buddhistische Long Hua Tempel (Wikipedia engl.) im Süden der Stadt strahlt eine würdige, freundliche Ruhe aus. Es hat viele – fast durchwegs jüngere – Gläubige, die ihre Räucherstäbchen anzünden, beten. Ich frage mich, wie diese meist atheistisch erzogenen jungen Leute zum Buddhismus gefunden haben. Die offizielle Sprachregelung ist fast dieselbe, wie sie der deutsche „Schattenblick“ angibt: „Das Streben nach materiellen Gütern und beruflichem Erfolg füllt viele Menschen nicht mehr aus. Auf der Suche nach einem tieferen Sinn suchen sie Antworten in der Religion. Mit ihrer Hinwendung zum Buddhismus besinnen sich die Chinesen auf eine 2.000-jährige Tradition zurück.“ Zur Religion allgemein finden sich bei der deutschen Bundeszentrale für politische Bildung einige interessante Ausführungen: auch die protestantische und die katholische Kirche erhalten Zulauf.
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In Shanghai, das mit seinem Hafen und den Konzessionen ein grosses Proletariat hatte, wurde 1921 die kommunistische Partei Chinas gegründet. Der Märtyrerpark im Süden der Stadt erinnert an all die Tausenden, die im politischen Kampf bis zur Gründung der Volksrepublik gestorben sind. Die von den Briten 1925 erschossenen Studenten. Die 1927 beim Massaker von Shanghai exekutierten etwa 5000 Kommunisten. (Das organisierte Verbrechen war von Chiang Kai-shek als Handlanger für diese Morde eingesetzt worden, vgl. SWR 2). Die während der Verteidigung gegen Japan und während der japanischen Besatzung Getöteten.
1949 mit der Gründung der Volksrepublik bricht die Geschichte im dem Park angegliederten Museum ab. Das Leiden und Sterben für die Bevölkerung ging aber mit dem „Grossen Sprung nach vorn“ und dann der Kulturrevolution weiter.
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Drei Museen – viele Welten

Es regnet den ganzen Tag, zum Glück mangelt es in Shanghai nicht an Museen.
Zuerst das Shanghai-Museum. Eigentlich gehe ich hin, weil es als eines der besten Chinas beschrieben wird. Aber für Porzellan und jahrtausendalte Skulpturen interessiere ich mich nicht sehr. Beim Besuch wird mir klar, warum der in letzter Zeit häufig gehörte Satz stimmt, mehr als 2000 Jahre lang sei die chinesische Kultur der westlichen weit überlegen gewesen.
Es werden u.a. Skulpturen und Porzellan aus Zeiten gezeigt werden, in denen es in Europa nichts, aber auch gar nichts Vergleichbares gab (vgl. z.B. Chinaonline-Museum). Jede Dynastie (vgl. z.B. Chinaseite) hatte ihren besonderen Stil. Das heute oft als typisch chinesisch betrachtete blau-weisse Porzellan wurde ab der Yuan (d.h. Mongolen-) Dynastie (1279 – 1368) in Massen produziert, es war eine wichtige Handelsware und fand vor allem auch in islamischen Ländern guten Absatz.
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Mich beeindruckt auch, dass z.B. die buddhistischen Skulpturen aus der Zeit der Song-Dynastie nicht einfach ausdruckslos oder verklärt, sondern sehr charaktervoll dargestellt sind.
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Auch die Tuschzeichnungen und die Kalligraphien haben höchste Qualität. Der Besuch hat sich wirklich gelohnt und ich kann mir langsam sogar die Abfolge einiger Dynastien merken.
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Ebenfalls am People’s Square befindet sich das Stadtplanungsmuseum (SUPEC, Urban Planning Exhibition Hall). Ein faszinierendes Museum, das zeigt, was Shanghai einmal war und was es werden soll, nämlich eine präzis geplante, weltweit führende Megacity für glückliche Menschen. Ein 2009 an der Bartlett School of Architecture entstandenes Paper mit dem Titel „Museum as a Representation of the City and an Instrument of City Image Making“ (PDF) beschreibt auch die dahinter stehende Ideologie gut.
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Shanghai Ende 19. Jh, 1984, anfangs 20. Jh. und 2010
Mittelpunkt der Ausstellung bildet der Masterplan, ein riesiges Modell des künftigen Shanghai, auf dem man sieht, was schon gebaut ist, und was in naher Zukunft noch alles gebaut werden soll. Die Stadtplanung hat das Thema der Weltausstellung 2010 „Better City, Better Life“ inspiriert und nimmt dieses wieder auf. Ökologie nimmt einen relativ grossen Stellenwert ein, Psychologie und Soziologie m.E. einen zu kleinen, ich sehe die Gefahr, dass hier Satellitenstädte ohne Herz und gänzlich ohne Geschichte und Kultur entstehen. Riesige Göhnerswilstädte im besseren, gigantische Banlieue-von-Paris-Satellitenstädte im schlechteren Fall. Felix Lee, der den China-Blog der „Zeit“ schreibt, hat kürzlich Bemerkungen zur mangelnden Raumplanung und Zersiedelung Chinas gemacht. Gestern bei der Bahnfahrt sind mir die gesichtslosen Städte entlang der ganzen Bahnstrecke auch aufgefallen.
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Trotzdem, wie hier geplant wird, ist beeindruckend. „Nine new cities, some sixty new towns, some six hundred central villages“ sollen entstehen. Ich stolpere über den Satz, dass hier eine sozialistische Stadt weiterentwickelt werde – wäre mir nicht aufgefallen. Weder im heutigen Shanghai mit seinem Nebeneinander von Reichtum und Armut und seinen Sonderwirtschaftszonen noch bei den Zukunftsplänen. Ausser, dass sich solche gigantischen Stadtentwicklungsprojekte sicher nur in einem Einparteienstaat verwirklichen lassen. Enteignung von Boden (falls er denn „Eigentum“ ist) muss sehr einfach möglich sein, Umsiedelungen im grossen Stil auch, es dürfte kaum wirkliche Einspracheverfahren geben. Das hier autokratisch vorgegangen wird, betonen chinesische Gesprächspartner meist auch: ein Land wie China lasse sich nicht auf eine westlich demokratische Art regieren, sonst erreiche man gar nichts. Wichtig sei, dass sich der Lebensstandard für alle erhöhe – und da sei man seit den 1980-er Jahren mit Deng Xiaoping auf bestem Weg. Tatsächlich wurde zwischen 1980 und 2010 in Shanghai 27 Mal so viel Wohnraum geschaffen wie zwischen 1950 und 1979. 1990 betrug die Wohnfläche pro Kopf noch 6.6 Quadratmeter, 2010 bereits 16.7.

Apropos Westen: In einem Wechselausstellungsraum befindet sich eine Ausstellung mit Zeichnungen des 92-jährigen Comiczeichners He Youzhi (vgl. z.B. old-coconino). He Youzhi ist nochmals durch Shanghai gegangen und hat sich – auch mit Hilfe alter Fotografien und Skizzen – daran erinnert, wie es in den verschiedenen Quartieren früher ausgesehen hat. All die Erinnerungen hat er gezeichnet und kommentiert; entstanden ist ein eindrückliches Stück Alltagsgeschichte der letzten fast 90 Jahre.
Er vermisst einiges, die alten Strassenküchen, die Milchausträger mit ihren Velos, die alten Märkte. Und seine Zeichnungen berichten aus der Zeit bis 1943 als Shanghai noch aus einer französischen Konzession, einem „International Settlement“ (ursprünglich der zusammengelegten britischen, amerikanischen und japanischen Konzessionen) und einem chinesischen Teil bestand. Die Briten hatten mit dem Opiumkrieg 1842 die Öffnung des Hafens und der Stadt für den internationalen Handel erzwungen und für ihre Gebiete Extraterritorialrechte mit eigenem Recht und eigener Polizei durchgesetzt. Die Stadt war dadurch faktisch dreigeteilt. Die Franzosen hatten nicht die gleiche Stromspannung wie die Briten, die Trams fuhren nicht über die Grenze des jeweiligen Sektors und für eine Rikscha brauchte es drei Bewilligungen, eine britische, eine französische und eine chinesische.
Chinesinnen und Chinesen waren in den ausländischen Stadtteilen meist nur als Bedienstete geduldet und Menschen dritter Klasse. Die Menschen zweiter Klasse kamen aus den Kolonien der Konzessionsinhaber. Vietnamesische Polizisten in der französischen Konzession, indische im International Settlement quälten die unter ihnen stehenden Chinesen bei minimaler Nichtbeachtung einer Verkehrsregel mit brutalen Schlägen und konnten sich des Einverständnisses ihrer Dienstherren sicher sein. Besoffene Ausländer fuhren mit ihren Autos absichtlich in die langsamen und nicht genug wendigen Rikschas. Die japanische Besetzung 1937 im chinesisch-japanischen Krieg brachte noch grösseres Leid. Während früher immer wieder Flüchtlinge in den Konzessionen aufgenommen worden waren, wurden nach den Schilderungen He Youzhis jetzt flüchtende Chinesen meist nicht in die – von den Japanern vorerst nicht angetasteten – ausländischen Konzessionen gelassen, sondern ihrem Schicksal, meist dem Tod, unter den Japanern überlassen.
(Ich habe unterdessen noch etwas nachgelesen. Nach Pearl Harbour wurden die alliierten Ausländer von den Japanern sofort interniert, während die Franzosen dem Vichy-Regime angehörten und somit als Verbündete Japans galten und entsprechend Konzession und Waffen behalten durften.)
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Essstand, Bewilligungskontrolle von Rikschafahrern, die Eisengitter der Französischen Konzession

Im Park, in dem all die Museen stehen, ist wie in Beijing ein Heiratsmarkt im Gang. Die Eltern, die alle jünger sind als ich und hier Partner für ihre Kinder suchen, sitzen vor Regenschirmen mit den Beschreibungen der zu Verheiratenden. Es regnet immer noch, ich sehe mir also noch das Museum of Contemporary Art MoCA an. Es zeigt die Animamix-Biennale, computeranimierte Filme und Installationen wie „Time of Cherry Blossom“ von Tsai Shiucheng und „Uterusman“ von Lu Yang.
Sozialismus und Sonderwirtschaftszonen; nine new cities, sixty new towns, some 600 central villages; Heiratsmarkt und Uterusman – wie bringt man diese Welten nur zusammen.

Von Zürich nach Shanghai – Überblick

Am 3. März bin ich in Zürich HB losgefahren, am 11. April in Shanghai Hongquiao angekommen. 17 Tage und 10 Nächte in Zügen. Vor allem aber unzählige Eindrücke aus Osteuropa, Zentralasien, Sibirien und China. Hier ein Überblick, damit das Nachlesen einzelner Etappen möglich ist:

20140411-201200.jpgErste Woche: Fahrt über Budapest, Cluj-Napoca und Brašov nach Bukarest.
Erinnerungen an Warschaupakt-Zeiten in Budapest und Bukarest, an die Vielvölkerkultur Siebenbürgens in Cluj und Brašov.
20140411-201813.jpgZweite Woche: Flug nach Moskau und Wiedersehen mit dieser vielfältigen und beeindruckenden Weltstadt. Drei Tage und drei Nächte im Zug, unterwegs nach Taschkent in Usbekistan, in eine andere Welt.
20140411-202602.jpgDritte Woche: Die Seidenstrassenstädte Samarkand und Buchara mit ihren beeindruckenden Monumenten. Frühlingsfest mit vielen fröhlichen Schülerinnen und Schülern in ihrer Nationalkleidung in Samarkand.
20140411-203158.jpgVierte Woche: Mit Gymnasiasten auf den Hausberg Almatys in Kasachstan. Dann im Zug durch Kasachstan nach Sibirien. In einer Gastfamilie in Novosibirsk, der Hauptstadt Sibiriens. Besuch der Universitätsstadt Akademgorodok und Weiterfahrt nach Ostsibirien an den wunderschönen noch gefrorenen Baikalsee.
20140411-210322.jpgFünfte Woche: Natur einatmen am Baikalsee. Irkutsk, das pulsierende Zentrum Ostsibiriens. Besuch der Pädagogischen Hochschule, dann weiter nach Ulaanbaatar und dem landschaftlich beeindruckenden Terelj-Nationalpark in der Mongolei. Bahnfahrt durch die Wüste Gobi nach Beijing.
20140411-211705.jpgSechste Woche: Baumblüte und verbotene Stadt, Soong Chingling und Konfuzius, Himmelsaltar und Lama-Kloster und natürlich die chinesische Mauer in Beijing. Weiterfahrt mit dem Hochgeschwindigkeitszug nach Shanghai.

Beijing – Shanghai

20140411-213918.jpgDie letzten 1400 Kilometer meiner Bahnreise legt der chinesische Hochgeschwindigkeitszug in genau fünf Stunden zurück, der Tachometer über der Wagentüre zeigt konstant 302 km/h an, nur bei der Einfahrt in die vier Bahnhöfe, in denen wir anhalten, wird die Geschwindigkeit reduziert. Sogar die über 300 Meter lange Dashengguan-Brücke, auf der sechs Bahngeleise parallel verlaufen überqueren wir mit dieser Geschwindigkeit. Unten ein breiter, gelber Fluss mit unzähligen Lastschiffen, die durch den Dunst fahren. Die Strecke wurde völlig neu gebaut, man merkt im Zug nichts von der hohen Geschwindigkeit. 80 Millionen Menschen pro Jahr sollen laut Forum China auf dieser Strecke transportiert werden. (Foto wikimedia/alancrh).

Ich lese im Zug ein altes „Magazin“ (No. 34/2013). Finn Canonica und Birgit Schmid beschreiben im Artikel „Alles über Lindsey“ das Leben und die Schwierigkeiten einer jungen Frau in Beijing sehr gut. Ein Leben zwischen westlichen Werten und dementsprechend individualistischen Vorstellungen über die eigene Zukunft (ein eigenes Appartement, einen Mann, den man sich selbst aussucht und den man liebt) und ostasiatischen Werten wie der starken Verbundenheit mit der Familie, dem Respekt ihren Wünschen gegenüber. Ein grosser Graben besteht auch zwischen der Stadtbevölkerung und den Zugewanderten vom Land, über die man lächelt und die man als ungebildet einschätzt. In Hans Jakob Roths interkulturellem Ratgeber überfliege ich die bereits markierten Texte nochmals: „Der Versuch hingegen, die Fremdkultur mit unserem bereits vorhandenen Erfahrungsschatz zu verstehen, ist grundsätzlich falsch“ (S. 18). Ich denke, er hat Recht und versuche das, ganz leicht fällt es mir aber nicht. Und übrigens: Wie ich nach der Magazinlektüre jetzt weiss, habe ich im Park in Beijing tatsächlich einen Heiratsmarkt beobachtet.

Der Bahnhof der Hochgeschwindigkeitszüge befindet sich am Flughafen Shanghai Hongquiao. Von hier aus gelange ich per Metro bequem direkt zu meinem Hotel am People’s Square. Ich bin froh um die zentrale Lage und den Metroanschluss, beides hat mir in Beijing gefehlt. Mein erster Eindruck von Shanghai: eine Weltstadt, ich könnte auch in Hongkong oder New York sein. Auch die Beschreibungen von ganz neuen, futuristischen Wolkenkratzern neben alten Garküchen in Quartieren mit älteren Häusern finde ich bestätigt. Sehr viele, sehr schicke Leute, sehr viele, sehr teure Autos (Lamborghinis, Ferraris, Range Rovers, Porsche Cayennes und hochklassige Mercedes). Sehr viele, sehr teure Restaurants und gerade nebenan kann man zum Bruchteil ihrer Preise auch sehr gut essen. Mein Abendessen schmeckt hervorragend und kostet weniger als der Cappuccino bei Starbucks am Nachmittag. Zu meinem ersten Eindruck gehört auch die Erkenntnis, dass ich offenbar zur Zielgruppe all der hübschen Frauen gehöre, die eine „Massatschi“ verkaufen wollen. 100 Yuan one hour, 200 Yuan full service, please come…

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Grosse Mauer

Ich möchte Beijing nicht verlassen, ohne auf der chinesischen Mauer gewesen zu sein. „The Great Wall“ liegt 70 Kilometer und mehr nördlich von Beijing. Ich habe darum gestern eine „Private Tour“ gebucht, weil mir andere Reisende vom öffentlichen Touristenbus abgeraten haben (es werde hineingequetscht, was irgendwie ginge, wer sich keinen Sitz- oder Stehplatz ergattere, könne nicht mitfahren) und weil ich nicht in einen Tourbus mit Shop-Besuchen und Rischkafahrten wollte. Das war keine gute Idee. Ich werde von Song, der eigentlich sympathischen und intelligenten Guide belehrt, dass das eine sehr billige Tour sei und dass das Unternehmen nur zu seinem Gewinn komme, wenn ich all die drei Factories und die Teeoper besuche und immer auch etwas kaufe. Ihr Lohn bestehe mehr oder weniger aus der Kommission, die sie für meine Einkäufe bekomme und meinem Trinkgeld.
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In der ersten Factory werden Cloisonne-Vasen hergestellt, nur lässt man mir kaum Zeit, das anzusehen, ich soll möglichst viel Zeit im Shop verbringen. Ich lasse das über mich ergehen und kaufe nichts, obwohl mir die Leute ja eigentlich Leid tun. Am Nachmittag, bereits wieder im Norden Beijings, reicht es mir dann aber, als ich 40 Minuten in einem Seidenshop verbringen soll, die Aufenthaltszeit wird genau gestoppt. Ich stehe auf und sage, ich nähme jetzt die U-Bahn zurück ins Hotel. Song ist ziemlich verzweifelt und den Tränen nahe, so dass ich natürlich nicht gehe. Mein Ärger ist jetzt aber so deutlich, dass sie telefoniert und dann eine Factory und die Teeoper streichen kann.
Weil ich trotzdem nichts kaufe, sitzen wir einfach herum und sie erzählt von ihrer bevorstehenden Hochzeit im August. Sie muss in ihrem Heimatdorf mindestens 1000 Gäste einladen, das sei das absolute Minimum. Alle Gäste bringen 500 Yuan als Geschenk, so dass die Hochzeit damit bezahlt werden kann. Nur wird man selbst an so viele Hochzeiten eingeladen und muss als Gastgeschenk auch wieder 500 Yuan bringen, dass das Ganze am Schluss dennoch teuer ist. Nicht heiraten ist auch keine Lösung – dann muss man an all den Hochzeiten, zu denen man eingeladen ist, Geschenke zahlen, bekommt aber selbst keine Geschenke.
Schade, dass diese junge Frau, die Englisch studiert hat, bei einem solchen Tourveranstalter arbeiten muss. Es enttäuscht mich, dass ich hier wieder so auf der Hut sein muss. In Osteuropa, Zentralasien, Sibirien hatte ich nie das Gefühl, man wolle mich irgendwie übers Ohr hauen, aber hier muss ich wieder aufpassen, nicht in Touristenfallen zu geraten.
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Die Grosse Mauer bei Mutianyu ist aber den Ärger schon wert. Die Gegend in diesem Abschnitt ist sehr hügelig, so dass man erahnen kann, wie die Mauer sich weit in der Ferne auf den Hügelkämmen verliert. Leider ist es sehr dunstig, so dass ich praktisch keine Fotos machen. Man kann mit einem Sessellift hinauffahren und mit einer Rodelbahn wieder ins Tal hinunter. Ich nehme den Sessellift, damit ich auf der Mauer mehr Zeit habe. Sie ist stellenweise sehr steil und die Stufen sind sehr hoch, so dass all die Touristen recht ins Schnaufen kommen.
Der Bau der Mauer wurde vom ersten chinesischen Kaiser (259 – 210 v. Chr.), der die verschiedenen „Königreiche“ Chinas einte, in Angriff genommen und sollte als Schutz gegen die Reitervölker aus der Steppe dienen. Sie wurden dann in der Han-Dynastie, nachdem sie die Hunnen besiegt hatte, ab 127 v. Chr. restauriert und weiter ausgebaut. Es wurden jetzt auch viele Befestigungen gebaut, die Mauer reichte bis weit in die Wüste, hatte eine Länge von etwa 10’000 Kilometern und war ein wichtiger Schutz für die Seidenstrasse. Eine Renaissance erlebte sie dann in der Ming-Dynastie ab. Diese verlegte die Hauptstadt 1368 in das grenznahe Beijing, weshalb der Grenzschutz stark ausgebaut werden musste und sogar eine innere und eine äussere Mauer entstanden.
Die Mandschu (Qing-Dynastie), die schliesslich die kurz vorher gestürzte Ming-Dynastie ablösten, sollen 1644 durch ein geöffnetes Tor ins Landesinnere gelangt sein. Ein General, der gegen den Sturz der Ming war und die Mandschu als das kleinere Übel auf dem Kaiserthron ansah, hatte den entsprechenden Befehl gegeben. Unter den Mandschu dehnte sich das Reich weiter nach Norden aus, die Mongolei wurde einverleibt. Die Mauer stand jetzt nicht mehr an der Grenze und verlor damit ihre Daseinsberechtigung als Schutzwall.
Man spricht von der Mauer auch als grosses Grab. Hunderttausende zur Zwangsarbeit Verpflichtete starben bei der Errichtung der Mauer in den verschiedenen Epochen. Von den – je nach Zählung – zwischen 9000 und 20000 Kilometern Mauer ist ein Grossteil in einem schlechten Zustand oder sogar abgetragen, bis jetzt konnten erst touristisch interessante Teile restauriert werden.
Vgl. UNESCO (wobei die Unesco unbegreiflicherweise schreibt, man könne die Mauer auch vom Mond sehen, was sicher nicht stimmt), China Radio International und Kristian Büsch.

Himmelsaltar, Lamakloster, Konfuzius-Tempel

Powersightseeing in Beijing. Ich kann mir vorstellen, dass meine Notizen dazu etwas langfädig sind. Ich brauche sie als Erinnerungshilfe, um später das Ganze nachzubearbeiten, aber bitte fühlt euch nicht verpflichtet, alles zu lesen.
Am Morgen besuche ich den benachbarten Tian Tan (Himmelsaltar, Temple of Heaven). Der Park ist am frühen Morgen sehr belebt. Alle Arten von Frühgymnastik in Gruppen: traditionelles Quigong, Tänze mit Schwertern, Kreisel peitschen, poppige Tänze, höchst anmutige Paartänze, in denen das Paar mit den Armen Flugbewegungen macht und sich umkreist. Kalligraphie. Gemeinsames Singen. Musikproben.
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Und dann etwas, das ich nicht verstehe, ich kann es mir eigentlich nur als Heiratsmarkt erklären, aber vielleicht ist diese Vorstellung völlig falsch. Mittelalterliche Männer und Frauen sitzen auf Hockern und Mäuerchen mit einem Steckbrief vor sich auf dem Boden, meist, wie es mir scheint von jungen Frauen. Auf diesen Steckbriefen in Sichtmäppchen stehen Körpergrösse, Jahrgang, manchmal das Gewicht, immer eine Telefonnummer, verschiedenste Notizen, ab und zu ist auch ein Foto dabei. Andere Männer und Frauen im gleichen Alter gehen vorbei, schauen sich die Steckbriefe an, beginnen manchmal ein Gespräch.
Das Leben im Park ist ebenso interessant wie der Himmelsaltar, ein sehr harmonisches, völlig rundes schönes Bauwerk, ganz auf den Himmel, das Yang ausgerichtet, deshalb auch die blauen Ziegel. Hier brachte der Kaiser als Himmelssohn bei einer genau vorgeschriebenen Zeremonie seine Opfer für den Himmel dar. Er bat um gute Ernte und um Regen. Im Norden der Stadt gibt es einen „Erdaltar“, auf das Ying ausgerichtet. Dort ist alles eckig statt rund, Ziegel sind erdfarben und die Anzahl Stufen zum Altar ist gerade, nicht ungerade wie hier.
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Mit der Metro fahre ich dann in den Norden, zum Lamakloster Yonghe Gong. Es wurde 1744 von den Mandschu-Kaisern (Qing-Dynastie) gegründet, auch mit dem Ziel, das annektierte Tibet günstig zu stimmen, in dem man zeigte, dass der Lama-Buddhismus geachtet werde. Mittelpunkt ist eine riesige, aus einem einzigen Baum geschnitzte Buddha-Statue. Es hat nicht viele Tourgruppen hier, aber recht viele Gläubige, die mit Räucherstäbchen vor den verschiedenen Buddha-Statuen beten.
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Auch im Norden der Stadt liegt der Konfuziustempel und die frühere kaiserliche Hochschule („Imperial College“), an der auch die so wichtigen Beamtenprüfungen abgenommen wurde.
Der wirtschaftliche Erfolg, den Ost- und Südostasien haben, wird gerne konfuzianischen Tugenden zugeschrieben. Als ich vor zwei Jahren in Guangzhou an der Normal University den Partnerschaftschaftsvertrag unterschrieben hatte, bekam ich eine Konfuziusfigur geschenkt. Die angestrebten 100 Institute, die China zur Verbreitung seiner Kultur und seines Gedankengutes weltweit einrichtet, heissen Konfuzius-Institute. Konfuzius, unter Mao kurz aus dem öffentlichen Gedankengut verbannt, erlebt eine Renaissance, sein Leben und seine Lehre werden wieder erforscht und verbreitet.
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Er lebte 551 – 479 v.Chr. und wurde dann um 1300 (?) „kanonisiert“, d.h. für anbetungswürdig angesehen. Tempel wurden geschaffen und Beamte verpflichtet, ihm zu huldigen, hat er doch – neben seiner Erziehungslehre – auch viele Herrscher von seinen Ansichten über gute Regierungstätigkeit und Verwaltung zu überzeugen versucht (und ist allerdings meist damit gescheitert, weil die damaligen Herrscher sich durch Geschenke wie schönen Pferden und schönen Frauen – im Museum in dieser Reihenfolge aufgeführt – gerne vom Pfad des tugendhaften Regierens abbringen liessen). Insofern macht die Rückbesinnung auf Konfuzius sicher Sinn.
Auch seine Erziehungsgrundsätze sind interessant, ich erfahre verschiedenes Neues. Er gründete z.B. die erste „Privatschule“ in China, weil er sich weigerte, nur Adelige zu unterrichten, sondern fand, alle hätten ein Anrecht auf Schulung. Auch lehrte er seine Schüler (vom Anrecht von Mädchen auf Bildung lese ich nichts) etwas erst, wenn sie selbst die Lösung nicht finden konnten. Schliesslich wird ihm auch nachgesagt, dass er trotz dem Grundsatz der „filial piety“ blinde Unterwerfung den Eltern gegenüber nicht billigte, er fand, man solle ihnen auch widersprechen, wenn sie Ungerechtes verlangten. Ich sammle ziemlich Material, das ich weiterverabeiten können werde. Leben und Werk sind sicher etwas verherrlichend dargestellt hier, aber informativ und gut aufbereitet. Zur Wirkungsgeschichte komme ich leider nicht mehr, die Aufsichtsperson findet, es sei jetzt genug, sie mache Feierabend (das schliesse ich jedenfalls aus ihrem wilden Gestikulieren und dann freundlichen Lächeln, als ich das Haus verlasse).
Im Norden der Stadt esse ich etwas, auch hier eingeschossige Häuser, viele Leute unterwegs, viele Läden mit vielseitigen Auslagen, man leistet sich ab und zu etwas. Ich beginne zu verstehen, was gemeint ist, wenn jeweils von der explodierenden Mittelklasse in Asien geschrieben wird. Diese Leute gehören nicht zu den Reichen, die mit ihren Lamborghinis und Range Rovern beim Peking-Entenlokal vorfahren, aber sie haben mehr Geld zur Verfügung, als das ihre Familien je hatten und sie sind optimistisch, dass ihr Kind (bzw. jetzt mit der weiteren Lockerung der Einkindpolitik) ihre Kinder ein besseres Leben haben werden als sie. 1980 haben die Leute hier zum Essen warmes Wasser getrunken, Tee konten sie sich nicht leisten. Als ich das gestern bei der Teedegustation erzählt habe, meinte die junge Verkäuferin, ich mache einen Scherz.
Das heisst nicht, dass es nicht auch in Beijing noch sehr viele, sehr arme Leute gibt, die gezwungen sind, unter prekärsten Verhältnissen zu leben. Gerade vor meinem Hotel befindet sich eine Abfalltrennungsanlage auf der Strasse und in einem kleinen Hinterhof. Die Männer kommen mit ihren Transporttrishaws angeradelt, mit dem Inhalt von Abfalleimern, die sie in der Stadt leeren, auf der Ladefläche. Dann trennen sie den Müll von Hand: Karton wird aussortiert und auf einen kleinen Lastwagen geladen, Pet-Flaschen, Organisches. Sie arbeiten auch mitten in der Nacht, scheinen einfach mal kurz am Arbeitsort zu schlafen und arbeiten dann weiter. Ich wage nicht, mir ihr „Zuhause“ vorzustellen.

Dicht

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Die Menschenmenge auf dem Tiananmen-Platz ist gross. Meist chinesische Touristen mit orangen, dunkelroten, rosaroten, blauen, gelben und weissen Sonnenmützen. Jede Tourgruppe hat eine andere Mützenfarbe und eine Führerin oder einen Führer mit Mikrophon und Lautsprecher. Mehrere Hundert Meter Schlange, um Mao in seinem Mausoleum und das chinesische Nationalmuseum zu sehen. Diese Dichte an Menschen werde ich heute den ganzen Tag wieder erleben, ständig werde ich gestossen oder angehupt. Gestern habe ich im Leitfaden China von Hans Jakob Roth (Hans Jakob Roth: Leitfaden China. Ein interkultureller Ratgeber. Bern: Huber, 2008) darüber gelesen. Botschafter Roth, der selber 12 Jahre in China gelebt hat und u.a. Chargé d’affaires der Schweiz war, schildert diese Dichte und ihre Auswirkungen hervorragend. Er hatte kurz vor meiner Abreise an der PH eine sehr kenntnisreiche Einführung in die ostasiatische Kultur gemacht. Ich bin also vorbereitet, bleibe gelassen, schubse zurück und weiche bei den Autos und Elektromotorrädern, wo ich der Schwächere bin, aus.
Aber auf dem Tiananmen so lange anstehen mag ich nicht, Ich flüchte in den nahen Zhonghan-Park, wo ausser ein paar Frühturnerinnen und Fotografen vergleichsweise wenig Menschen sind. Die Bäume stehen im Höhepunkt der Blüte, sehen herrlich aus.
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Die verbotene Stadt lasse ich mir aber trotz der Menschenmassen nicht entgehen. Die Filmszenen aus Bertoluccis Film „Der letzte Kaiser“ sind mir noch im Gedächtnis. (Über diesen Kaiser, Puyi, vgl. z.B. den Spiegel).
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Im anschliessenden Park beschwatzt mich eine Mongolin, mit ihr einen Tee zu trinken. Wohl eher eine Schlepperin, die mich in ein Tea-House bringen soll, damit sie dort auch ein paar Gäste haben. Die Degustation ist aber hochinteressant. Es werden Tees aus ganz verschiedenen Gegenden angegossen. Ich probiere also Oolong-Tee, Pu Errh-Tee, mit Ginseng angereicherten Tee, Tee aus der Umgebung von Beijing und zum Dessert Früchtetee. Wie bei Whisky-Degustationen muss eine gewisse Reihenfolge eingehalten werden, damit nicht ein Aroma das andere überdeckt. Wahrscheinlich (bzw. sicher) bin ich abgerissen worden, aber ist ja egal, der Tee war gut. (Vgl. z.B. GQ-Magazin).

Dann schlendere ich durch das gentrifizierte und touristifizierte Altstadtüberbleibsel Huatian. Auf den Shichahai-Seen viele Boote: Pedalos und Elektromotorboote. An den Ufern Fischer (die recht grosse Fische herausziehen) und ältere Männer, die schwimmen. Am Ufer spielt man Karten oder Brettspiele. Ich will zum Haus, in dem bis zu ihrem Tod in den 1980-er Jahren Soong Ching Ling gelebt hat und das heute ein Museum ist. Die Frau von Sun Yat Sen (Wikipedia engl.) interessiert mich, weil sie anfangs des 20. Jahrhunderts ihre Ausbildung in den USA gemacht hat und durch dieses Studium in der Überzeugung, China brauche eine Revolution, bestärkt wurde. Das wird im Museum auch so dargestellt. 2014 studieren eine halbe Million junge Chinesinnen und Chinesen im Ausland (China Radio International) und auch Leitungspersonen von Hochschulen bilden sich im Ausland weiter (University World News). Die langfristigen Auswirkungen dieser Gastsemester und Gaststudien werden interessant sein. Das Museum ist aufschlussreich, einiges (wie die Angriffe auf sie während der Kulturrevolution) wird nur sehr nur am Rand erwähnt, aber ich erfahre auch Neues, z.B. dass Soong Ching Ling bei den Gründungsmitgliedern einer „League Against Imperialism“ war, die auch von Einstein unterstützt wurde (vgl. Open University).

Zum Schluss des Tages überquere ich eine Hauptstrasse, die offenbar eine Art Grenzlinie ist. Ich bin jetzt plötzlich tatsächlich in einem Altstadtviertel mit eingeschossigen Häusern, das noch voller Leben ist. Markthallen, Velos, sehr viele kleine Läden, fliegende Verkäufer, Handwerkerbuden und ein Gewirr von Menschen, alle eilig unterwegs. Sehr interessant, aber wirklich dicht.
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Ankunft in Beijing

Die Nacht ist kein Genuss, es ist hart und staubig und erst noch sehr kalt. Als ich am Morgen durch andere Wagen Richtung Speisewagen gehe, empfängt mich dort eine wohlige Wärme. Nur unser chinesischer Wagenbegleiter (etwa 20, sehr hager, James Dean-Frisur, Zweitagebart) scheint sich die Zeit anderswie vertrieben haben. Zwei harte Eier und zwei Scheiben Toastbrot zum Frühstück. Die Route durch das Hangshan-Gebirge, über das hier auch die grosse Mauer verläuft, ist eindrucksvoll. Ein mongolischer Mitreisender, der (falls ich das richtig verstanden habe) in Beijing in einer Umwelttechnologiefirma arbeitet, gibt mir zwar zu verstehen, das Wasser des Yongding sei höchst verschmutzt, man könne es nicht trinken und nicht darin baden und er findet es entsprechend lustig, dass man vom Zug aus zwei Männer bis zu den Hüften darin stehen und fischen sieht.
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Etwa eine Stunde vor Beijing beginnt die Agglomeration mit riesigen Hochhausüberbauungen.
Und schliesslich kommen wir an: Beijing Hauptbahnhof. Genau fünf Wochen hat die Reise von Zürich hierher gedauert. Ich starre vor Dreck, rieche nach Kohle und bin ziemlich erschöpft. Aber sehr zufrieden und um unzählige Eindrücke und Begegnungen reicher.
In der schwarzen Lexus-Limousine mit den weissen Sitzbezügen, die mich zum Hotel fährt komme ich mir ziemlich daneben vor. (Dem Fahrer wohl auch, er hat mich etwa sieben Mal gefragt, ob ich wirklich der Richtige sei, bis ich ihm schliesslich den Pass zeigte).
Ich brauche bis Sonnenuntergang, bis ich mich wieder einigermassen sauber fühle und muss mich überwinden, nochmals aus dem Haus zu gehen und nicht einfach ins Bett zu liegen. Kaum habe ich das Hotel aber verlassen, empfängt mich der warme Wind, der Duft nach Garküchen, Gewürzen, Smog und angefaultem Abfall. Ostasien zieht mich sofort wieder in seinen Bann und ich vergesse meine Müdigkeit.
Tian Tan, der Park um den „Himmelstempel“, der ganz in der Nähe des Hotels liegt, ist noch geöffnet. Das letzte Mal war ich 1980 hier. Der Tempel sah damals schon gleich aus, aber die Menschen waren völlig anders. Alle hatten noch ihre blauen oder grauen Mao-Kittel an und sahen sich Tempel und Garten diszipliniert an. Unsere Reisegruppe aus Westlern war die ganze Zeit von einer Reiseführerin und einem Reiseführer der staatlichen Reiseagentur begleitet, die uns selten mal herumschlendern liessen und die uns immer wieder in unserem umzäunten Hotelgelände für Ausländer ablieferten. Wir schenkten ihnen zum Schluss je eine Instamatic-Fotokamera, die es im Freundschaftsladen – nur für Ausländer, die dort mit Devisen zahlen mussten – zu kaufen gab. Sie waren sprachlos über dieses Geschenk, ich weiss nicht, ob sie es abliefern mussten. Heute schlendern die (privilegierteren, der Park kostet Eintritt) Chinesinnen und Chinesen alle sehr gestylt und mit westlichem Habitus durch den gleichen Park. Mao-Kittel und Instamatic-Kameras, das war eine völlig andere Zeit, eine andere Welt. Obwohl das Licht kaum mehr ausreicht, bin ich umgeben von Dutzenden mit teuren Spiegelreflexkameras oder iPhones ausgerüsteten meist jungen Chinesinnen und Chinesen, die mit mir die Frühlingsblüten im Park fotografieren und sich über den schönen Abend freuen.
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Im Hardsleeper durch die Gobi

Der Zug Nummer vier kommt aus Moskau und ist vor der letzten Etappe durch die Wüste Gobi nach Beijing schon eine Woche unterwegs. Dem chinesischen Wagen, in dem meine Liege ist, ist das ziemlich deutlich anzumerken, alles strotzt vor Dreck und Staub. Auch die Liegen sind kaum gepolstert, statt einer Matratze wie in den russischen Zügen bekommen wir einfach eine Wolldecke, die auf die Sitzfläche gelegt werden kann. „Hard sleeper“ nennen sie diese Wagenklasse glaub in China. Mir macht vor allem der Staub zu schaffen – geschwollene Augen und Schwierigkeiten zu atmen. Meine mongolischen Mitreisenden legen sich sofort nach dem Einsteigen am frühen Morgen wieder hin um vorzuschlafen, die Nacht wird wegen Zollformalitäten und Wechsel der Drehgestelle auf die chinesische Spurweite wohl kurz werden.
Auf den Weg in den Speisewagen durchquere ich die Wagen mit den Zweibettabteilen, die alle sauber geputzt sind. Beim Betrachten der Abteile mit ihren schön gepolsterten Sitzen wünsche ich mir das erste Mal, ich hätte ein Bett in dieser Wagenklasse gebucht. Aber das gilt für eine von zehn Nächten, allgemein bin ich mit den Vierbettabteilen gut gefahren. Ich war am Morgen zwar jeweils nicht wirklich erholt, aber ich hatte viele gute Begegnungen, habe interessante und liebenswerte Leute kennen gelernt und viel erfahren über die Länder, durch die ich gereist bin.
Das Kontrastprogramm zum Hardsleeper ist der mongolische Speisewagen, er erinnert an eine vergangene Eisenbahnkultur. Goldfarbene Tischtücher, Wände und Raumteiler mit schönen Holzschnitzereien. Vor den sauber geputzten Fenstern geht die mongolische Steppe langsam in die Wüste Gobi über.
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Am Abend dann die Grenzkontrollen, zusätzlich müssen jetzt die Fahrgestelle gewechselt werden, wir haben also über vier Stunden Aufenthalt. Ich schlendere etwas durch den dunklen Grenzort Erlian, ein paar Lebensmittelläden sind noch geöffnet, ausser ein paar Transsib-Reisenden ist aber kaum jemand unterwegs. Nach ein Uhr fahren wir weiter Richtung Beijing.
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Zurück nach Ulaanbaatar

Um Mitternacht und morgens um sechs kommen Mitglieder die Betreiberfamilie des Camps in meine Jurte, um neu anzufeuern. So etwa sechs Stunden vermag ein gut gefüllter Ofen das Filzzelt zu wärmen.
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Gegen sieben fahren wir über die Steppe zu einer halb sesshaften Bauernfamilie. Sie hat ihr Winterquartier jeweils etwa ein halbes Jahr hier unter den Felsen und ist im Sommer mit den Tieren (Kühe und Yaks) unterwegs. Wir trinken im Ger heisse Milch, die mit würzigem Ziger angereichert wird und sehen anschliessend beim Melken zu. Zuerst dürfen die Kälbchen trinken, dann werden etwas 3 Liter gemolken und zum Schluss ist nochmals das Kälbchen an der Reihe. Einige Zweitliter-Fantaflaschen werden mit Milch gefüllt. Der Knabe bringt sie dann an die Strasse und gibt sie dem Busfahrer mit, der nach Ulaanbaatar fährt. Dort werden sie dann von Verwandten abgeholt.
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Nach dem Mittagessen dann Rückkehr nach Ulaanbaatar. Ich sehe mir das Parlament, vor dem Dschingis Khan sitzt und das Geschichtsmuseum an. Schwergewichtig natürlich die hohe Zeit der Mongolei unter Dschingis Khan und seinen Nachfolger. Ein ganzer Saal ist aber auch dem u.a. mit Hungerstreiks und grossen Demonstrationen erzwungenen Systemwechsel Ende 1980-er, anfangs der 1990-er Jahre gewidmet.

Gegen Abend dann das Gandan-Kloster, das Zentrum des buddhistischen Lebens in der Mongolei. Hier ist u.a. auch die buddhistische Universität untergebracht, überall meist fröhliche Menschen, die an Gebetsmühlen (Wikipedia) drehen, Tauben füttern, vor dem grossen goldenen Buddha im zentralen Tempel beten.
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Morgen früh nehme ich den Zug nach Peking. Australische Reisende, die ich gestern getroffen habe, haben mir erzählt, in China seien die Webseiten der Bloganbieter gesperrt. Mal sehen, wann ich mich auf diesem Weg wieder melden kann.